Wie das Projekt „Demokratie leicht erklärt“ jungen Geflüchteten eine Stimme gibt
Einmal pro Monat versammeln sich im Mehrgenerationenhaus Altenkirchen junge Menschen mit Fluchtgeschichte um einen großen Tisch. Hier ist Platz für ihre persönlichen Erfahrungen, aber auch für konkretes Wissen: Durch Gespräche und Spiele lernen sie ganz praktisch, wie Demokratie in Deutschland funktioniert.

Das Mehrgenerationenhaus in der Fußgängerzone der kleinen Kreisstadt im Westerwald ist ein Ort, an dem Menschen aller Altersklassen und Kulturen willkommen sind. Heute ist der Raum für ein ganz besonderes Projekt vorbereitet: die Bildungsreihe „Demokratie leicht erklärt“. Ins Leben gerufen hat dieses Angebot die Honorarkraft Christa Frey. Nach der vergangenen Landtagswahl stand für sie fest, dass sie junge Menschen gezielter für Politik begeistern und ihnen demokratische Prozesse in leicht verständlicher Sprache näherbringen möchte.
Von persönlichen Geschichten zur gelebten Demokratie
Als die ersten jungen Männer aus den umliegenden Wohngruppen eintreffen, umfängt sie sofort eine warme, einladende Atmosphäre. Christa Frey blickt auf über zehn Jahre Erfahrung in der Flüchtlingshilfe zurück und verzichtet daher ganz bewusst auf einen strengen Lehrplan. „Ich stelle mich zu Beginn der Runde einfach mit ein paar persönlichen Worten vor, dann ist das Eis meistens schon gebrochen“, erklärt sie. „Es dauert dann nicht mehr lange, bis die Jugendlichen auftauen und beginnen, von sich zu erzählen.“
Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein sechzehnjähriger Junge. „Er lebte erst seit sechs Wochen in Deutschland und hat sehr eindrücklich von seiner Flucht und seinem neuen Alltag in der Wohngruppe berichtet.“ Christa Frey merkt immer wieder: Das Bedürfnis nach Austausch ist groß. Und für die jungen Geflüchteten ist es eine neue, bereichernde Erfahrung, mit einer lebenserfahrenen Einheimischen auf Augenhöhe zu sprechen. Gemeinsam diskutieren sie darüber, wie Zusammenleben funktioniert und wie Demokratie im ganz Kleinen aussieht – zum Beispiel bei der gerechten Aufteilung von Putzdiensten in den eigenen vier Wänden.
Um genau solche alltagsnahen Diskussionen fundiert anzustoßen, hat Christa Frey im Vorfeld passgenaues Material recherchiert und zusammengestellt, das den jungen Menschen den Einstieg in die Thematik erleichtert.
Flexibilität als Schlüssel zum Erfolg
Der alltagsnahe Ansatz entstand dabei direkt aus der Praxis, in Kooperation mit der ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) der Diakonie und unterstützt durch Fördergelder aus den Kollektenmitteln der Evangelischen Kirche im Rheinland. Ursprünglich hatten Christa Frey, Eileen Räder vom Jugendmigrationsdienst und Silke Seyler, die Koordinatorin des Mehrgenerationenhauses, einen klassischen Kurs geplant. Doch unterschiedliche Sprachkenntnisse und das verlockende Sommerwetter erforderten ein Umdenken. Das Team reagierte flexibel auf die Lebensrealität der jungen Menschen und passte die Strategie kurzerhand an. Anstelle von trockener Theorie aus dem Lehrbuch steht deshalb nun das praktische Zusammenleben im Fokus.
Um sprachliche Barrieren aufzubrechen, greift die Gruppe immer wieder zu kreativen Methoden. Mit dem Brettspiel „Leben in Deutschland – spielend integrieren“, das interaktiv Grundwissen über Land und Kultur vermittelt, bringen die Verantwortlichen die Teilnehmenden ungezwungen miteinander ins Gespräch. „Beim Rätseln über Geografie und Gesellschaftskunde lachen wir zusammen, und die Jugendlichen lernen fast nebenbei Deutsch und bauen Vorurteile ab“, beschreibt Christa Frey die Treffen. Das Mehrgenerationenhaus setzt dabei konsequent auf Freiwilligkeit. Niemand muss sich verpflichten, aber jeder darf genau das aus dem Angebot mitnehmen, was er für sein eigenes Leben gerade braucht.
Gemeinsam auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft
Auch wenn aufgrund von Ferienzeiten und wechselnden Sprachkenntnissen keine feste Kursgruppe entstanden ist, trägt das Konzept dazu bei, dass das Mehrgenerationenhaus für die jungen Männer Stück für Stück zu einem vertrauten Ort wird, den sie ohne Zwang für sich entdecken können. Die Dankbarkeit für das Angebot spürt Christa Frey bei jedem Treffen: „Die jungen Menschen verabschieden sich höflich per Handschlag, helfen selbstverständlich beim Aufräumen der Gläser und versprechen oft, bald wieder dabei zu sein.“
Um diesen Zusammenhalt weiter zu fördern und noch mehr Menschen miteinander zu vernetzen, steht im Mehrgenerationenhaus ein besonderer Ausflug an: Am 14. November fährt die Gruppe zum „Tag der Demokratie“ in die Rhein-Mosel-Halle nach Koblenz. Dazu sollen auch gezielt Menschen mit Behinderungen aus den örtlichen Werkstätten und andere Interessierte angesprochen werden, um einen bunten Mix der Gesellschaft abzubilden. Das Mehrgenerationenhaus Altenkirchen beweist damit auf wundervolle Weise: Echte Teilhabe und demokratisches Bewusstsein wachsen am besten dort, wo Menschen einander aufrichtig zuhören und sich willkommen fühlen.





















































































































