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Wie Mehrgenerationenhäuser Angebote umsetzen: Neues aus den Häusern

Klein mal Groß: Im Mehrgenerationenhaus Kirchheim unter Teck lernen Kinder die Welt der Erwachsenen besser kennen

Das Mehrgenerationenhaus Kirchheim unter Teck lädt jährlich während der Pfingstferien Kinder aus den Klassen vier bis sechs ein, Bürgerin und Bürger von „Blattstadt" zu werden. Dann verwandelt sich das Mehrgenerationenhaus in eine fiktive Kommune, in der die Kleinen hautnah die Lebens- und Arbeitswelt von Erwachsenen entdecken können.

In Blattstadt gibt es ein Rathaus, eine Poststelle, eine Radiostation, eine Bank, einen Supermarkt, Handwerksbetriebe und sogar eine Arbeitsagentur. Zum Freizeitvergnügen laden der Beautysalon „Entspannungsinsel" oder die „Spielhölle" ein. Eine Woche lang bilden die Kinder eine Gemeinde, in der sie zusammen leben wie die Großen. „Am ersten Tag sind die Kinder arbeitssuchend. Sie gehen dann zur Arbeitsagentur und suchen sich ihren Wunschberuf aus. Jede und jeder arbeitet für einen Stundenlohn von acht „Blüten", erklärt Rouven Grotenberg, der eine Ausbildung zum Mechatroniker macht und bereits zum dritten Mal als freiwillig engagierter Betreuer in der Blattstadt aktiv ist. Rouven Grotenberg und andere Freiwillig Engagierte begleiten die Kinder bei ihrem Ausflug in die Welt der Erwachsenen und stehen ihn an den Arbeitsstationen mit Rat und Tat zur Seite.

Eigenverantwortliches Handeln im Kindesalter stärken

„Wir schaffen Alltagsbedingungen, die auch in der realen Erwachsenenwelt vorhanden sind. So möchten wir etwas dazu beitragen, dass die Kinder lernen, selbstbestimmt zu handeln", erklärt der Koordinator des Mehrgenerationenhauses Kirchheim unter Teck Matthias Altwasser. Und was gefällt den Kindern besonders gut? „Sie genießen die Wahlfreiheit bei der Entscheidung über den eigenen Arbeitsplatz und es gefällt ihnen, selbst bestimmen zu können, wofür sie ihre Blüten ausgeben", so der Hauskoordinator weiter. Aber mit der gewonnenen Freiheit sind auch Pflichten verbunden. So gibt es zum Beispiel eine Einkommenssteuer, die gezahlt werden muss, um Gemeinschaftsprojekte zu finanzieren. Die Aufgabe der freiwillig engagierten Betreuerinnen und Betreuer besteht darin, die Kinder in ihren Rollen zu begleiten und ihnen dennoch möglichst viel Freiraum zu lassen. „Man muss wissen, wann man sich lieber nicht einmischen sollte", erklärt Matthias Altwasser. Betreuer Rouven Grotenberg ist immer wieder von der Entwicklungsfähigkeit der Kleinen begeistert. „Ich finde es besonders interessant zu sehen, wie die Kinder im Laufe der Woche in ihre Rollen hineinwachsen. Als Betreuer merkt man schon am zweiten Tag, dass die Kinder anfangen, sich wie Erwachsene zu verhalten", berichtet er.

Lernerlebnis erfreut sich wachsender Beliebtheit bei Jung und Alt

Ein Lernerlebnis ist die Blattstadt oft auch für Eltern, zu deren Entlastung das Ferienprogramm beitragen soll. Zwar ist das Mehrgenerationenhaus fast die ganze Woche lang eine „elternfreie Zone" – doch am letzten Nachmittag werden ab 14 Uhr die Türen geöffnet und dann können auch Erwachsene sich ein Bild vom Miteinander der jungen Blattstädterinnen und Blattstädter machen. „Eltern sind oft ganz überrascht und begeistert, wie gut ihre Kinder mit Verantwortung umgehen können. Sie tragen diese Verantwortung gern, man muss sie ihnen aber erst zutrauen", erklärt Matthias Altwasser. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Rolle des Bürgermeisters bzw. der Bürgermeisterin von Blattstadt. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Blattstadt bestimmen durch direkte Wahl, wer im Rathaus sitzen soll. Wer für das Amt kandidieren will, muss sich auch genau überlegen, was er oder sie erreichen möchte, und für welche Ziele er oder sie steht.

Zum Mehrgenerationenhaus passt das Ferienprojekt nicht nur, weil es auf das gegenseitige Verständnis von Menschen unterschiedlicher Altersgruppen zielt, sondern den Mitwirkenden auch aufzeigt, dass jede und jeder Einzelne das gesellschaftliche Miteinander aktiv mitgestalten kann. „Wir bringen die Kinder zum Nachdenken. Sie lernen rücksichtsvoll miteinander umzugehen und Eigenverantwortung zu übernehmen. Am Ende geht es darum, die Gesellschaft in kleinen Schritten nachhaltig zu  verändern – in der Blattstadt wie auch im echten Leben", sagt Matthias Altwasser.