Für mehr Gemeinsamkeit: Kontakte knüpfen beim „Speed-Friending“
Neue Freundschaften im Erwachsenenalter schließen? Das ist manchmal gar nicht so einfach. Das „Speed-Friending“ im Ludwigsburger Mehrgenerationenhaus zeigt jedoch, wie’s geht: In kurzen Gesprächsrunden tauschen Teilnehmende Interessen aus und loten aus, ob die Chemie stimmt.

Im Mehrgenerationenhaus Grünbühl-Sonnenberg in Ludwigsburg ist es am heutigen Abend lauter als sonst: An einzelnen Tischen sitzen sich Zweierpaare gegenüber. Die Unterhaltungen sind angeregt und erinnern fast an das Summen in einem Bienenstock. Da ertönt ein Signal – es ist Zeit, den Sitzplatz zu wechseln. Einige Teilnehmende protestieren: „Wie, die fünf Minuten sind schon vorbei? Nein, nein, wir unterhalten uns gerade so gut!“ Doch Katrin Ballandies bleibt standhaft: „Speed-Friending heißt Speed – wir ziehen das jetzt durch! Denn die Idee ist ja, dass Sie sich im Anschluss wieder treffen, wenn Sie sich sympathisch sind!“
Die Leiterin des Mehrgenerationenhauses hat das Begegnungsformat „Speed-Friending“ im Sommer 2025 ins Leben gerufen. Die Idee ist angelehnt an das aus den USA stammende „Speed-Dating“ und wurde ursprünglich im Mehrgenerationenhaus Schorndorf umgesetzt. Anders als beim „Dating“ geht es hier jedoch nicht um romantische Beziehungen, sondern darum, Freundschaften zu knüpfen. In schnellen Gesprächsrunden können die Teilnehmenden sich unverbindlich kennenlernen – und so Kontakte in ihrer Nachbarschaft schließen. „In unserer täglichen Arbeit im Mehrgenerationenhaus erleben wir, welche Auswirkungen Einsamkeit auf Menschen hat“, sagt Ballandies. „Deshalb haben wir nach Wegen gesucht, wie wir Jung und Alt hier vor Ort ansprechen und in den Austausch miteinander bringen können, um den Boden für neue Bekanntschaften oder Freundschaften zu bereiten.“
Einsamkeit betrifft Menschen aller Generationen
Obwohl es sich dabei um eine universelle menschliche Erfahrung und ein sehr persönliches Gefühl handelt, ist Einsamkeit nach wie vor ein Tabuthema. Sie entsteht, wenn der Wunsch nach Verbundenheit und Zugehörigkeit unerfüllt bleibt. Das vom Kompetenznetz Einsamkeit im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erarbeitete Einsamkeitsbarometer 2024 zeigt, dass die Einsamkeitsbelastungen innerhalb der deutschen Bevölkerung (ab 18 Jahren) von ungefähr 8 Prozent im Jahr 2017 auf rund 28 Prozent im Jahr 2020 gestiegen sind und im Jahr 2021 bei etwa 11 Prozent lagen – das entspricht etwa jeder neunten Person.
Dass dieses Gefühl jede und jeden treffen kann, unabhängig von Alter und Herkunft, wird auch beim Treffen im Mehrgenerationenhaus in Ludwigsburg deutlich: Da ist zum Beispiel die 20-jährige Studentin Franziska, die neu in der Stadt ist und abseits der Hochschule Anschluss sucht. Oder der 60-jährige Markus, der aufgrund einer Erkrankung seinen Beruf und seinen Sportverein aufgeben musste und so auch sein soziales Netz verlor.
Ein geschützter Raum für echte Begegnungen
Katrin Ballandies war es jedoch wichtig, nicht das Problem in den Fokus zu stellen, sondern eine wirksame Lösung anzubieten. Die Einladung zum „Speed-Friending“ ist daher neutral gehalten und greift alltägliche Wünsche auf: Wer sucht nicht mal spontan Begleitung fürs Kino, ein Konzert oder einen Bummel über den Wochenmarkt?
Für den Ablauf der einzelnen „Speed-Friending“-Treffen gibt es einen konkreten Plan und Spielregeln. Ballandies weiß, wie hoch die Hürde ist, mit fremden Menschen locker ins Gespräch zu kommen: „Daher muss das Setting so gestaltet sein, dass sich alle wohlfühlen.“ Vorab gibt es deshalb eine Viertelstunde Zeit zum Ankommen. Das Team des Mehrgenerationenhauses hat dafür liebevoll gestaltete Thementische zu Interessen wie Kochen, Krimis oder Gartenarbeit vorbereitet. An diesen können die Teilnehmenden erste kleine Unterhaltungen führen.
Danach beginnen die Gesprächsrunden. Zehn Paare unterhalten sich jeweils fünf Minuten lang, dann ertönt ein Gong, der zum Platzwechsel bittet. Die auf den Plätzen ausgelegten Eisbrecher-Fragen, zum Beispiel „Bist du Typ Hund oder Typ Katze?“, sorgen dafür, dass der Gesprächsstoff nicht ausgeht.
Zum Abschluss füllen die Teilnehmenden für Personen, die sie sympathisch fanden, Zettel mit ihren eigenen Kontaktdaten aus. Das Team sammelt diese ein, sortiert sie in Briefumschläge mit den Namen der Empfängerinnen und Empfänger und händigt sie beim Abschied aus. Sollte es bei jemandem einmal nicht „matchen“, sorgt eine Trostkarte im Briefumschlag dafür, dass niemand das Haus mit einem schlechten Gefühl verlässt.
Aus Fremden werden Freunde
Das Format wird so gut aufgenommen, dass inzwischen sogar Menschen aus der Umgebung von Ludwigsburg anreisen, um teilzunehmen. „Von 18 bis über 80 hatten wir jetzt alle Altersspannen hier, und die Rückmeldungen waren durchweg positiv“, berichtet Katrin Ballandies. So entstehen auch Freundschaften über die Generationen hinweg. Selbst ein anfangs zurückhaltender Informatikstudent blühte beim „Speed-Friending“ auf: „Er hat so viele Kontaktkarten bekommen, dass er strahlend hier rausgegangen ist“, erinnert sich Ballandies gerührt. „Er hätte nie gedacht, dass er so mit Leuten in Kontakt kommt.“
Die Leiterin des Mehrgenerationenhauses empfiehlt, die Zahl der Teilnehmenden beim „Speed-Friending“ auf etwa 16 Personen zu begrenzen und eine verbindliche Voranmeldung einzurichten, um den Abend gut planen zu können. Eine kleine Bewirtung mit „Nervennahrung“ wie Schokolade und Knabberzeug sowie Getränken lockert die Atmosphäre zusätzlich auf. Oft bringen die Teilnehmenden diese auch selbst mit. Denn selbst gebackene Kekse sind häufig auch ein guter Gesprächseinstieg.
Gemeinsam aus der Einsamkeit
Aufgrund der großen Nachfrage wurde das Angebot zum „Begegnungscafé Lieblingsplatz“ weiterentwickelt und findet nun alle zwei Wochen statt. Das Ludwigsburger Projekt zeigt eindrucksvoll, wie wertvoll Mehrgenerationenhäuser für das soziale Miteinander sind. „Ich finde, dass Mehrgenerationenhäuser in unserer heutigen Zeit und Gesellschaft ein wichtiges Instrument sind, um Menschen miteinander und füreinander zu gewinnen und ins Gespräch zu bringen“, bekräftigt Katrin Ballandies. Mit ihrer wertvollen Arbeit leisten die Einrichtungen einen unverzichtbaren Beitrag zur Prävention von Einsamkeit und zur Stärkung der gesellschaftlichen Resilienz.
Dieses Engagement steht auch im Mittelpunkt der vom Bundesfamilienministerium veranstalteten Aktionswoche „Gemeinsam aus der Einsamkeit“. Sie findet vom 22. bis 28. Juni deutschlandweit statt und rückt Lösungsansätze wie das „Speed-Friending“ ins Scheinwerferlicht, um Menschen wieder dauerhaft am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen.