Werkeln in der Neighbourwood
Die Fischerinsel in Berlin-Mitte ist ein Ort der Kontraste: In den Hochhäusern zwischen Regierungsviertel und Alexanderplatz leben Familien mit Migrationshintergrund, junge Menschen und Erstbewohner aus den späten Sechzigern. Es gibt viel Diversität, aber eine starke Gemeinschaft. Im Kreativhaus wird an ihr gearbeitet – mit Hammer, Säge und Schleifpapier. Holz ist das Material, das alles verbindet.

Das Surren der Schleifmaschine ist schon von Weitem zu hören. Es riecht nach Holz und Sägemehl. Und immer wieder klopft ein Hammer oder summt ein Akkuschrauber. Auf der Fischerinsel im Herzen von Berlin wird wieder gewerkelt. Immer dienstags und freitags trifft sich die Nachbarschaft im Mehrgenerationenhaus Kreativhaus zur Sprechstunde in der offenen Werkstatt. Wer etwas bauen will, reparieren möchte oder einfach nur am Miteinander interessiert ist, kommt vorbei.
Mehrgenerationenhaus als Anker und Anlaufstelle
„Bei uns treffen vielfältige Menschen aufeinander“, sagt Susanne Schröder, Koordinatorin des Mehrgenerationenhauses. Vielfältig, eben wie der Kiez selbst. Etwa 2.000 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten leben auf der Fischerinsel in Berlin-Mitte – zwischen Alexanderplatz und Regierungsviertel. Viele von ihnen können eine Fluchtgeschichte erzählen. Ihr Einkommen ist in der Regel gering, der Bildungshintergrund heterogen. Der Anteil der Über-80-Jährigen ist 2025 um 50 Prozent gestiegen. Der Zuwachs junger Erwachsener immerhin um ein Drittel.
In diesem Schmelztiegel fungiert das Mehrgenerationenhaus im Stadtteilzentrum Kreativhaus als wichtiger Anker. Es ist Anlaufstelle für Menschen jeden Alters und jeder Herkunft. Und eben für jene, die gerne handwerklich arbeiten. „In unseren Holzwerkstätten setzen wir den Fokus ganz bewusst auf das haptische Erlebnis. Denn Handwerk ist für uns die universelle Sprache, die Generationen und Kulturen verbindet“, sagt Susanne Schröder.
Zwei Werkstätten für alle Altersklassen
Die offene Werkstatt ist deshalb auch für sie ein fester Termin im Kalender. Zweimal die Woche kommen bis zu einem Dutzend Menschen aus der Nachbarschaft vorbei, weil sie ein Brett kürzen, ein Loch bohren, ein Bett oder ein Regal planen oder einen Stuhl verleimen möchten. Oder weil sie auf dem Flohmarkt ein Vintage-Möbelstück erworben haben, das noch repariert werden muss. „Manchmal kommen auch junge Menschen vorbei, die sich zwischen zwei beruflichen Stationen einfach ausprobieren wollen“, sagt Schröder. Sie alle finden im Kreativhaus Hilfe, Rat und eine gute Gemeinschaft.
Vom Berufsleben sind die „Holzwürmer in Aktion“ noch sehr weit entfernt; sie gehen in der Regel noch zur Schule. Doch auch für die Kleinsten gibt es im Kreativhaus bereits eine Werkbank – in der Holzhütte, die sich in der Nähe der offenen Werkstatt befindet. Dort, und auf der Wiese davor, wird immer donnerstags zwischen 15 und 18 Uhr gebaut, gewerkelt und gebastelt. „Wir bauen schöne Dinge fürs Kinderzimmer – zum Beispiel Boxen für Spielzeug, kleine Regale, Garagen für Spielzeugautos, Wiegen und Betten für Puppen, Möbel für die Puppenstube und Ställe für den Bauernhof“, sagt Schröder. „Die Kinder erfahren eine Grundbildung im Umgang mit Handwerkzeugen wie Säge, Hammer, Schraubendreher und Schleifklotz.“
Brennpunkt mit Perspektive
Diese Werkzeuge spielen auch beim „Zero Waste Jewellery“-Workshop in der benachbarten Holzwerkstatt Inselhandwerk eine wichtige Rolle. Hier lernen die Teilnehmenden, wie sie aus Restmaterialien einzigartige Schmuckstücke fertigen. Das schont Ressourcen und schützt die Umwelt, weil die Lebensdauer von Artikeln oder Materialien verlängert und Müll vermieden wird. Umweltbildung, auch das ist Teil der generationenverbindenden Grundbildung im Kreativhaus auf der Fischerinsel.
Überhaupt: die Fischerinsel. Sie liegt allen Beteiligten sehr am Herzen. Das wird immer wieder deutlich. Nicht umsonst stehen die Werkstatt-Formate unter dem Motto „Neighbourwood" – einer Wortschöpfung aus den beiden englischen Begriffen für Nachbarschaft (neighbourhood) und Holz (wood). Passend dazu ist die Arbeit in den Holzwerkstätten fest im Sozialraum verwurzelt. Es gibt beispielsweise Kooperationen mit Gemeinschaftsunterkünften, mit Kitas oder mit dem Stadtmuseum. Außerdem nimmt die Holzhütte jährlich am sogenannten „Girls Day“ teil, einem Aktionstag, der junge Mädchen für Handwerksberufe begeistern soll. Die Zukunft spielt also eine wichtige Rolle, hier in der Hochhaussiedlung im Herzen der Hauptstadt.