Malen gegen das Vergessen
Lavendelfelder so weit das Auge reicht, einsame Fischerdörfer und edle Meeresfrüchte – im saarländischen Mehrgenerationenhaus Homburg steht ein Nachmittag in der Woche ganz im Zeichen französischer Lebensart. Dann bringen die 15 Mitglieder der Demenzgruppe „Leben und Malen wie Gott in Frankreich" mit Acryl- und Wasserfarben sowie Pinsel und Kohlestift ihre Erinnerungen und Assoziationen zu dem Nachbarland zu Papier.

Patricia Delu, Koordinatorin des Hauses, hat das Kunst- und Kommunikationsprojekt für Menschen mit leichter und mittelschwerer Demenz aus Homburg und Umgebung 2010 ins Leben gerufen. „Das Malen und die begleitenden Gespräche sollen Erinnerungen an Frankreich wecken", sagt Delu. Frankreich – das verbindet sie mit Leichtigkeit und Lebensfreude. Beides möchte sie den Mitgliedern der Projektgruppe vermitteln.
In den Kunstwerken spiegeln sich aber auch ganz persönliche Erfahrungen der Teilnehmenden: „Die Grenze zu Frankreich liegt nur eine halbe Autostunde entfernt. Fast jede Homburgerin und jeder Homburger war schon im Nachbarland hat dort Urlaub gemacht oder eingekauft", erklärt die Koordinatorin des Hauses. Aus diesem geteilten Erinnerungsschatz können die Seniorinnen und Senioren schöpfen, wenn sie zeichnen.
Spürbare Veränderungen für Betroffene – und Angehörige
Betreut werden die Projektteilnehmenden von drei Krankenschwestern und Freiwillig Engagierten. Eine Kunsttherapeutin unterstützt beim Malen. „Den Umgang mit Pinsel und Kohlestift müssen viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer erst lernen", sagt Delu. Auch die Bilder lassen eine Entwicklung erkennen. Neue Mitglieder malen für gewöhnlich erst einfache Kreise; mit der Zeit werden es sehr detaillierte Darstellungen. Aber auch andere Veränderungen sind spürbar. So steigt die Zufriedenheit der demenziell Erkrankten in der Regel deutlich: „Sie sind aufgeweckter, reden mehr und fühlen sich sichtlich wohler", berichtet Delu. Das bedeutet auch für pflegende Angehörige eine Erleichterung. „So mitteilungsbedürftig war mein Mann lange nicht mehr", erzählt etwa die Frau eines Projektteilnehmers. Er sei aufmerksamer, offener und freundlicher. Das habe das Familienleben harmonischer gemacht.
Jung und Alt malen gemeinsam
Besondere Freude bereiten den Seniorinnen und Senioren auch die Begegnungen mit der Kindergruppe „Volltreffer". Die Kinder, zwischen vier und 15 Jahren, kommen zu jedem Treffen der Projektgruppe, um gemeinsam mit den demenziell Erkrankten zu malen oder zu singen. „Die Kinder besuchen uns gern", sagt Delu. „Es ist schön, Jung und Alt an einem Tisch zu sehen."
Einmal im Monat sorgen Themennachmittage für Abwechslung: Dann wird gemeinsam gegessen oder zu Liedern aus Frankreich gesungen und getanzt. „Wir möchten alle Sinne ansprechen", sagt Delu. Der kommende Themennachmittag steht ganz im Zeichen französischer Weihnachtstraditionen: Gemeinsam mit den Kindern backen die Seniorinnen und Senioren Kekse und lesen Weihnachtsgeschichten aus dem Nachbarland.
Mit einer Wanderausstellung durch das Saarland
Die Bilder der Projektgruppe sind inzwischen auch einem größeren Publikum bekannt. Eine erste Ausstellung fand Anfang 2011 noch im Mehrgenerationenhaus statt. Mittlerweile haben die Werke in jedem Landkreis des Saarlandes Station gemacht. Hierbei wurde mit dem Uniklinikum Homburg kooperiert, das die Bilder der Projektgruppe in eine eigene Wanderausstellung zum Thema Demenz integrierte. Patricia Delu ist es wichtig, dass die Bilder eine breite Öffentlichkeit erreichen: „Die Ausstellung soll Hemmungen abbauen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und den Umgang mit demenziell Erkrankten erleichtern", sagt sie.
Mit den Ausstellungen konnte das Mehrgenerationenhaus nicht nur die Öffentlichkeit für das Thema Demenz sensibilisieren, sondern auch neue Förderinnen und Förderer gewinnen. „Unsere Partnerinnen und Partner haben die Ausstellung besucht oder davon gehört. Danach haben sie uns angesprochen und ihre Unterstützung angeboten", erinnert sich Delu. Nachdem die Finanzierung des ersten Projektjahres durch die Aktion Mensch ausgelaufen war, stellten die Stadt Homburg, der Landkreis und die Kreissparkasse ein Jahr lang die Gelder für das Projekt bereit. Derzeit wird es durch den saarländischen Landesverband der Arbeiterwohlfahrt finanziert. Dieser stellt die Malutensilien zur Verfügung und bezahlt die Kunsttherapeutin. Über die Zukunft des Projekts macht sich Patricia Delu keine Sorgen: An einer Folgeförderung für das Jahr 2013 sind gleich mehrere Akteure interessiert.
Kreativ bei der Vermarktung
Darüber hinaus hat die Koordinatorin eine neue, eher ungewöhnliche Finanzierungsquelle im Blick. Anfang des kommenden Jahres ist eine Auktion im Mehrgenerationenhaus geplant, auf der ein Homburger Stadtbeigeordneter einige Bilder der Projektgruppe versteigern wird. Über die Zusage des Lokalpolitikers freut sich Patricia Delu sehr: „Das bringt der Auktion mehr Aufmerksamkeit." Kreativität bei der Vermarktung der Malereien bewies das Mehrgenerationenhaus schon in der Vergangenheit: Für das Jahr 2012 bot es einen Kalender mit zwölf ausgewählten Bildern an. „Der Kalender hat sich gut verkauft", sagt Delu. „Und mit den Restexemplaren haben wir unseren Gästen und Partnern eine kleine Freude gemacht".