„Grenzerfahrungen“ in Püttlingen: Gemeinsam an Grenzen gehen
Grenzen haben etwas Limitierendes. Gerade im Saarland, das gleich an zwei Nachbarländer grenzt. Und dennoch: In Püttlingen verbinden sie Menschen aller Generationen. Im Projekt „Grenzerfahrungen“ des dortigen Mehrgenerationenhauses gehen Jung und Alt an Grenzen – an geographische oder körperliche, an tatsächliche oder fiktive. Die Erfahrungen könnten unterschiedlicher nicht sein.

Mehr als 60 Kilometer Fahrrad fahren: Wer nicht gerade trainiert ist und jede Woche im Sattel sitzt, für den ist das schon eine Grenzerfahrung. Und genau das sollte die Fahrradtour des Mehrgenerationenhauses Püttlingen auch sein. Ein Tagesausflug in die Region Merzig-Wadern stand auf dem Programm. Der westliche Landkreis des Saarlandes liegt im Dreiländereck von Deutschland, Frankreich und Luxemburg. Es ging also im wahrsten Sinne des Wortes: an die Grenzen.
Grenzerfahrungen. Das ist gleichzeitig der Titel einer Veranstaltungsreihe, die ihren festen Platz im Programm des Mehrgenerationenhauses hat. Die Fahrradtour war eins von insgesamt sieben Events, Module genannt, die 2025 stattgefunden haben. Denn gewissermaßen sollen die Teilnehmer auch etwas lernen. „Den Gruppen wird vermittelt, was das Wort ‚Grenze‘ überhaupt bedeutet und wie Grenzen seit jeher den Alltag der Menschen beeinflussen – und dass eben während einer ganz persönlichen Grenzerfahrung“, sagt die damalige MGH-Leiterin Gabriele Marx, die das Programm mit initiiert hat.
Jede Generation sammelt eigene Grenzerfahrungen
Die Idee dazu entstand im Frühjahr 2017: Der Höhepunkt der Flüchtlingskrise schien zwei Jahre zuvor eigentlich schon überstanden, da warfen Berichte über die Verlängerung von Grenzkontrollen in Österreich bei Marx und ihrem Team Fragen auf. Gerade im Saarland, in direkter Nachbarschaft zu Luxemburg und Frankreich, waren offene Grenzen im Sinne des Schengener Abkommens eigentlich gelebter Alltag. Der entsprechende Zeitungsartikel regte die Verantwortlichen schließlich dazu an, sich mehr mit der eigenen Grenzregion zu befassen. Die Initialzündung für das Projekt.
Im Rahmen der Vorarbeiten wurde schließlich klar, dass Menschen in der Region je nach Alter unterschiedliche Erfahrungen mit den Grenzen zu Frankreich und Luxemburg gemacht haben, erzählt Claudia Gläser, die eine Zeit lang als Koordinatorin des Mehrgenerationenhauses gearbeitet hat. „Jede Generation hat eigene Assoziationen den „Grenzen“ – von der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg über die Deutsche Einheit nach der Wende bis zur heutigen Bundesrepublik als Teil der Europäischen Union“. Also richteten die Leiterin des Mehrgenerationenhauses und ihr Team das Projekt ganz bewusst auf Menschen jeder Altersklasse aus. Der jüngste Teilnehmer war vier Jahre alt, der älteste 84. Aus dieser Kombination – „Grenze“ und „Erfahrungen“ – entstand der Titel: „Grenzerfahrungen“.
Vorbild für andere Mehrgenerationenhäuser
Der Begriff „Grenze“ wurde vom Mehrgenerationenhaus bewusst weit gefasst. Mal ging es um geografische Linien, mal um historisch geschlossene oder politisch offene Grenzen und mal um das Austesten der eigenen Grenzen – etwa der Ausdauer, wie bei der Fahrradtour in den Merzig-Wadern-Kreis. Entsprechend vielfältig liest sich auch die Liste der bisherigen Aktionen. So umfasste das Programm der politischen Bildung des Mehrgenerationenhauses Besuche des Europäischen Parlaments, des Bundestages oder des Dreiländerecks. Es gab Vorträge, Lesungen oder Themenabende. Auch historische Grenzen wurden hautnah erlebt, etwa bei Exkursionen zu den Bunkern der Maginot-Linie oder zur Berliner Mauer. Grenzen in Wissenschaft und Natur kamen ebenfalls nicht zu kurz, wie der Blick zu den „Grenzen des Weltalls“ im Weltraumatelier oder eine Kanutour auf der Saar bewiesen hat.
Für die Menschen und für das Mehrgenerationenhaus selbst ist „Grenzerfahrungen“ ein voller Erfolg: Nicht nur die Aktionen selbst erfreuten sich großer Beliebtheit, die Einrichtung ist darüber auch bekannter geworden und konnte neue Ehrenamtliche gewinnen. Im März wurden die neuen Module für 2026 vorgestellt.