Ein bunter Raum für Begegnungen: Bauwagen in Herborn baut Hemmschwellen ab
Der Besuch einer Beratungsstelle kostet oft viel Überwindung – an einem Bauwagen Halt zu machen, zum Beispiel auf dem Weg zum Einkaufen, fällt leichter. So zeigt das Mehrgenerationenhaus Herborn, dass moderne Sozialarbeit nicht viele Quadratmeter, sondern kreative Ideen braucht, um die Menschen zu erreichen.

Es war Winter, kurz vor Weihnachten. Eine Mutter eilte mit zwei Kleinkindern und einem Baby im Arm durch die Altstadt. „Man konnte ihr ansehen: Ihr Tag war lang, ihre Nerven lagen blank“, erzählt Baria Aslam, zuständig für Sozialraumorientierte Arbeit bei der Arbeiterwohlfahrt Lahn-Dill-Kreis e. V. und Projektkoordinatorin im Mehrgenerationenhaus Herborn. Doch dann bleiben die älteren Töchter mit leuchtenden Augen stehen – sie hatten den bunten Bauwagen auf dem Hintersand-Parkplatz entdeckt. Aus Fenster und Tür fällt warmes Licht, Kinderstimmen sind zu hören. „Die beiden wollten unbedingt hinein. Und die Mutter war einverstanden, sie blieb mit dem Baby bei uns am Stehtisch stehen.“ Während die Kinder drinnen einer Vorlesestunde lauschten, atmete die erschöpfte Mutter draußen bei einer Tasse Kaffee und ein paar Plätzchen durch. „Nach nur zehn Minuten war das Eis gebrochen. Wie ein Wasserfall berichtete sie von ihrem anstrengenden Alltag und den familiären Sorgen. Und wir konnten einfach da sein.“ Die Situation ist Baria Aslam in Erinnerung geblieben: Auf Begegnungen wie diese hatte sie gehofft, als die Idee von einem Bauwagen für Herborn entstanden ist.
Schwellen abbauen, wo das Leben spielt
Als Baria Aslam 2021 ihre Anstellung antrat, zeigte eine detaillierte Bedarfsanalyse, dass viele Menschen in Herborn klassische, feste Beratungsstellen meiden. In einer Kleinstadt, in der man sich auf der Straße grüßt, ist die Sorge vor Stigmatisierung groß. Viele möchten nicht gesehen werden, wenn sie eine Erziehungs- oder Schuldnerberatung betreten.
Der Bauwagen, ein Gemeinschaftsprojekt des Mehrgenerationenhauses Herborn und der Arbeiterwohlfahrt, löst dieses Problem mit radikaler Niedrigschwelligkeit. Er bildet eine neutrale Zwischenebene mitten im städtischen Treiben. Wer hier anklopft, einen Kaffee trinkt oder bei einer kreativen Mitmachaktion stehen bleibt, agiert anonym, unkompliziert und wertfrei. „Der Bauwagen ist flexibel, offen für alle und bietet einen geschützten Raum“, fasst Baria Aslam zusammen.
Das Projekt erforderte Mut und klare Kalkulation
Den finanziellen Grundstein für den Bauwagen legte die großzügige Spende einer Bank. Von dem Geld kaufte Baria Aslam einen gebrauchten Wagen über eine Online-Anzeige. Anschließend investierte die Haustechnik des Mehrgenerationenhauses viel handwerkliches Herzblut: Die Kollegen beseitigten Beulen, dichteten das marode Dach ab, bauten Fenster und ein neues Türschloss ein, für das heute viele Kooperationspartner eigene Schlüssel besitzen.
Im Inneren machen gemütliche Sessel, warmes Licht und Stauraum für Materialien aus den acht Quadratmetern eine einladende Oase. Für die auffällige Graffiti-Fassade sorgte der örtliche Stadtjugendpfleger. Um den Wagen mit Leben zu füllen, planen die Projektbeteiligten mit einem laufenden Budget von rund 1.000 Euro pro Jahr. Dieses Geld fließt in die Instandhaltung und in kreative Aktionen, um die Menschen zum Stehenbleiben zu animieren. An einem verkaufsoffenen Sonntag konnten Kinder zum Beispiel Schirmmützen gestalten und kleine Taschen bemalen. „Allein an diesem Tag sind wir mit mehr als 100 Menschen ins Gespräch gekommen“, berichtet Baria Aslam stolz.
Ein langer Atem bei der Standortsuche
Fast anderthalb Jahre vergingen in Herborn von der ersten Idee bis zur Eröffnung des Bauwagens. Nachdem das Konzept eingereicht war, schlug die Stadtverwaltung zunächst abgelegene Plätze als Standort vor. Doch das Team vom Mehrgenerationenhaus blieb beharrlich und suchte gemeinsam mit dem Bauamt nach einer Möglichkeit, den Wagen dort abzustellen, wo das Leben spielt. Den Platz auf dem Hintersand-Parkplatz zu bekommen, war nicht leicht: alte Glascontainer mussten versetzt werden und die Stadt verzichtet auf die Einkünfte von drei gebührenpflichtigen Parkplätzen. „Das bedeutete intensive Überzeugungsarbeit. Wir haben mehrfach im Sozialausschuss und im Magistrat darum gekämpft und immer wieder den gesellschaftlichen Nutzen deutlich gemacht“, so Baria Aslam.
Ein sicherer Hafen für die ganze Stadtgesellschaft
Der Aufwand zahlt sich täglich aus. „Ich bin meist an den verkaufsoffenen Sonntagen vor Ort, um mit den Menschen über unsere Angebote zu sprechen”, erklärt Barai Aslams Kollege Joachim Spahn vom Mehrgenerationenhaus. „Zuletzt haben wir die Möglichkeit genutzt, um Ehrenamtliche für unser Projekt ‚Chancenpaten‘ zu gewinnen. In drei Stunden konnten wir 14 tiefgehende Gespräche führen – jetzt hoffen wir, dass darunter einige neue Paten für junge Menschen mit schwierigen individuellen Bedingungen sind.“
Außerdem steht der Wagen als echtes Gemeinschaftsprojekt auch der Stadt und anderen sozialen Akteuren kostenfrei offen, etwa der Diakonie oder einer freien Gemeinde. Streetworkerinnen und Streetworker können an kalten oder regnerischen Tagen im Bauwagen vertrauliche Gespräche mit Jugendlichen führen. Und zukünftig sollen auch getrennt lebende Elternteile, die in einer anderen Stadt wohnen, den Wagen für Treffen mit ihren Kindern nutzen können. „Dann müssen sie nicht in ein Café gehen und dort Geld ausgeben“, erklärt Baria Aslma. „Wir haben viele Ideen, und hoffen, dass wir noch mehr Kooperationspartner finden, um den Bauwagen weiter mit Leben zu füllen.“