Ein tolles Miteinander – auf der Bühne und im ganzen Haus
Vor gut 50 Jahren entstand der Stadtteil Ingelheim-West vor allem als Wohnort für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer der größeren Unternehmen in der Umgebung und deren Familien. Seit 2006 hat im rheinland-pfälzischen Ingelheim-West auch ein Mehrgenerationenhaus sein Zuhause. Nutzerinnen und Nutzer finden hier nicht nur zahlreiche hilfreiche Angebote, sondern können einander unabhängig von Lebensalter und Herkunft näherkommen – etwa im Rahmen eines Theaterprojektes.

Für einen kurzen Moment fehlen dem jungen Mann die Worte. Schnell hilft ihm seine Schauspielkollegin, indem sie den Anfang der nächsten Textstelle flüstert. Ein solches Beispiel zeigt: Die Schauspielerinnen und Schauspieler der Theatergruppe „Immer noch nicht" bilden bei der gemeinsamen Arbeit auf der Bühne eine starke Einheit. Die gewachsene Verbindung zwischen den Hobbyschauspielerinnen und Hobbyschauspielern aus verschiedenen Altersgruppen und mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln kann Cornelia Peters auch bei den wöchentlichen Theaterproben miterleben.
Nach ihrer Pensionierung wollte sich die ehemalige Gymnasiallehrerin freiwillig engagieren. Im Mehrgenerationenhaus hat sie den idealen Ort dafür gefunden und eine Schauspielgruppe ins Leben gerufen. Seit nunmehr vier Jahren leitet sie das Geschehen auf der Bühne und beobachtet mit Freude, wie ihre Darstellerinnen und Darsteller zwischen 14 und 82 Jahren miteinander agieren. „Im gemeinsamen Spiel gibt es keine Abgrenzungen. Alle öffnen sich, hören einander zu. Man hilft sich gegenseitig. Man tauscht sich aus und lernt voneinander", erzählt Cornelia Peters über die Proben und Aufführungen.
Mit Respekt und Vertrauen Alters- und kulturelle Unterschiede überwinden
Die Teilnehmenden haben dabei an den Darbietungen ebenso viel Spaß wie das Publikum. „Immer wieder höre ich, dass Zuschauerinnen und Zuschauer unsere Aufführungen wirklich genießen und begeistert sind. Insbesondere der respekt- und vertrauensvolle Umgang zwischen den Schauspielerinnen und Schauspielern findet großen Anklang", erzählt die Gruppenleiterin von den Reaktionen nach Auftritten.
In der Gruppe haben Alters- und kulturelle Unterschiede keine Bedeutung. Vielmehr bereichern sie die gemeinsamen Aufführungen. „Bei uns spielt unter anderem ein türkischstämmiges Paar mit einer älteren Frau und zwei jungen Mädchen, die mich seit Gründung der Gruppe begleiten", sagt Cornelia Peters. Ein Problem fällt ihr dann aber doch noch ein, wenn sie mit einem Schmunzeln sagt: „Uns fehlen Männer. Die trauen sich nämlich oft nicht auf die Bühne."
Das Haus ist breit aufgestellt – und eine bekannte Größe in der Region
Das altersübergreifende und interkulturelle Miteinander, das die Theatergruppe auszeichnet, ist für das Mehrgenerationenhaus Ingelheim typisch. Das Haus entstand aus einer ehemaligen Kindertagesstätte, später wurde es durch einen Anbau erweitert und dabei baulich genau auf die Anforderungen eines Mehrgenerationenhauses ausgerichtet. In dem barrierefreien Gebäude gibt es heute zahlreiche Angebote für die Menschen aus der Umgebung – unabhängig von deren Lebensalter oder kultureller Herkunft. „Unser Haus ist im Hinblick auf die inhaltliche Arbeit sehr breit aufgestellt", erklärt Hausleiterin Birgit Kleine-Weitzel. „So sind wir eine bekannte Größe für die Bevölkerung in der Region geworden."
In der hauseigenen Tagesstätte finden hundert Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 14 Jahren einen Platz. Dank bestehender Kooperationen mit fast allen Beratungs- und Hilfseinrichtungen der Region – darunter das Diakonische Werk, das Caritas Bürgerzentrum sowie das Jobcenter – können Nutzerinnen und Nutzer zudem eine Vielzahl an Informations- und Hilfsveranstaltungen im Haus wahrnehmen. Interessierte finden beispielsweise Beratungsangebote zu Themen wie Ernährung, Erziehung, Sucht und Recht. In der eigenen Küche werden hunderte Mahlzeiten pro Tag zubereitet. Und nicht zuletzt gehören immer wieder Feierlichkeiten zum Programm. In den allermeisten Fällen sind es die mehr als 100 Freiwillig Engagierten, die mit ihrem Einsatz die zahlreichen und vielfältigen Angebote tragen. „Wir haben mittlerweile mehr Ideen und Freiwillig Engagierte als Platz im Haus", bringt Birgit Kleine-Weitzel den Einsatz der Aktiven auf den Punkt.
Jeder trägt bei, was er beitragen kann
Die Grundhaltung für das vielfältige Miteinander im Haus lautet dabei: Jeder trägt bei, was er beitragen kann. Ein gutes Beispiel dafür ist Birgit Kleine-Weitzel besonders im Gedächtnis geblieben: „Im Vorfeld eines großen Festes kam eine ältere Frau auf mich zu und berichtete, dass Sie zwar nicht an der Veranstaltung teilnehmen könne, aber doch ihren Beitrag leisten wolle. So bot sie an, einen Kuchen zu backen." Die Hausleiterin erhält solche Angebote oft und weiß die Bedeutung dahinter einzuordnen. „Alle versuchen sich einzubringen", fasst die Hausleiterin ihre Erlebnisse zusammen. „Die einzelnen Mitglieder dieser Gemeinschaft ergänzen einander und schätzen sich gegenseitig."
Diese offene Haltung zeigt sich bei den Nutzerinnen und Nutzern generationenübergreifend. Birgit Kleine-Weitzel sieht das jeden Tag: „Im Haus treffen Menschen aufeinander, die sich sonst wahrscheinlich niemals begegnet wären. Aus diesen Situationen erwachsen Interesse und Sympathie." Das gilt zum Beispiel, wenn beim Mittagessen der Seniorenstammtisch gleich neben der Schülergruppe sitzt. „Wenn beide getrennt essen müssten, würden sie einander sehr vermissen", so die Hausleiterin.