Qualifizierung zur Seniorenbegleitung für Jugendliche im Mehrgenerationenhaus Dülmen
Das Projekt „Gegen die Einsamkeit im Alter – Jung und Alt gemeinsam" bildet Jugendliche zu freiwillig engagierten Seniorenbegleiterinnen und -begleitern aus.

Im Fokus der Fortbildung liegt der Umgang und Austausch mit der älteren Generation. Im August 2014 wurde das Engagement des Mehrgenerationenhauses Dülmen mit dem zweiten Platz der „Westfalen bewegt"-Initiative ausgezeichnet.Bereits seit einigen Jahren bietet das Mehrgenerationenhaus Dülmen eine Fortbildung zu Seniorenbegleiterinnen und -begleitern an. Freiwillig engagierte Erwachsene haben in diesem Projekt die Möglichkeit, von ausgebildeten Pflegekräften zu lernen. Dabei wird auf eine fundierte theoretische Ausbildung ebenso viel Wert gelegt wie auf praktische Erfahrung.
Als im Jahr 2008 eine junge Praktikantin im Mehrgenerationenhaus Dülmen auf einen Mangel an praktischer Erfahrung Jugendlicher im Umgang mit älteren Menschen hinwies, war die Ausweitung des Projekts zum Seniorenbegleitprogramm für Jugendliche die logische Konsequenz. Im Projekt „Gegen die Einsamkeit im Alter – Jung und Alt gemeinsam", das speziell auf die Bedürfnisse und Anforderungen von Jugendlichen zugeschnitten ist, werden seither Schülerinnen und Schüler in Dülmen und in der Nachbarstadt Haltern am See zu Seniorenbegleiterinnen und Seniorenbegleitern ausgebildet. Ziel des Projekts ist es, den Kontakt zu älteren Menschen herzustellen und den Austausch zwischen den Generationen zu fördern.
Fundierte theoretische Ausbildung
Das Gemeinschaftsprojekt des Mehrgenerationenhauses Dülmen und des EhrenAmts-Büros der Stadt Haltern am See wird an den weiterführenden Schulen beider Städte ab Klassenstufe zehn angeboten. In jedem Jahr nehmen etwa zwölf bis 16 Schülerinnen und Schüler am Projekt teil und finden zunehmend Freude an den freiwilligen Tätigkeiten. Aufgrund der hohen Nachfrage wird die Fortbildung seit diesem Jahr auch im benachbarten Nottuln umgesetzt. „Wir haben bisher schon 115 Seniorenbegleiterinnen und Seniorenbegleiter ausgebildet. Die Resonanz ist überwältigend", freut sich Irmgard Neuß, die einen von zwei Standorten des Mehrgenerationenhauses Dülmen leitet, über die rege Teilnahme. In 39 theoretischen Unterrichtsstunden werden die freiwillig engagierten Jugendlichen von Pädagoginnen und Pädagogen sowie Expertinnen und Experten zum Leben von und Zusammenleben mit Seniorinnen und Senioren geschult.
In den theoretischen Schulungen stehen unter anderem die Aufklärung über Alterskrankheiten und der Umgang mit ihnen, einfache Pflegehilfen, aber auch Gesprächsführung und Beschäftigungsmöglichkeiten mit älteren Menschen auf dem Stundenplan. „Wir wollen den Jugendlichen die Angst vor Krankheiten der Seniorinnen und Senioren nehmen und sie mit den Lebensumständen im Alter vertraut machen. Dazu gehört es auch, Strategien zu erarbeiten, wie man mit älteren Menschen am besten umgehen kann. Das vermittelt den Jugendlichen viel Sicherheit", erklärt Irmgard Neuß. Auch Erste-Hilfe-Kurse und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Tod sowie Verarbeitungs- und Bewältigungsstrategien sind grundlegende Elemente des Lehrplans.
Um den Jugendlichen das komplexe Wissen näher zu bringen und nachhaltige Lernerfolge zu erzielen, setzt das Mehrgenerationenhaus in den Theoriestunden auf spielerische und praktische Elemente: Wie schiebt man einen Rollstuhl oder fährt selbst damit? Wie fühlt es sich an, den Alltag mit einem durch einen Schlaganfall gelähmten Arm zu bestreiten? „Spätestens wenn die Jugendlichen versuchen, mit nur einer Hand eine Milchpackung zu öffnen, stellt sich bei ihnen ein ganz anderes Bewusstsein für die Herausforderungen im Alter ein", sagt Maria Meiring-Kühnel, Projektmitarbeiterin und pädagogische Fachkraft im Mehrgenerationenhaus.
Praxiseinsatz in Altenhilfeeinrichtungen
Ergänzt wird die Ausbildung außerdem um 20 Praxisstunden, die in kooperierenden Altenhilfeeinrichtungen in Dülmen, Haltern am See und seit diesem Jahr auch in Nottuln absolviert werden können. Dabei stehen jedoch nicht Pflegetätigkeiten, sondern vielmehr das gegenseitige Kennenlernen und Beisammensein mit den Seniorinnen und Senioren im Vordergrund. Die Jugendlichen können sich hier Zeit nehmen, um individuell auf die ältere Generation einzugehen. „Die Schülerinnen und Schüler unterhalten sich mit den Seniorinnen und Senioren, spielen Brettspiele oder gehen spazieren. Manche Jugendliche packen auch schon mal die Gitarre aus und singen gemeinsam mit den Seniorinnen und Senioren", erzählt Irmgard Neuß. Im Praktikum bauen die Schülerinnen und Schüler Kontakt zur älteren Generation auf und entwickeln ein Verständnis für sie.
Die Motivation der Jugendlichen am Ausbildungsprogramm teilzunehmen, stützt sich oft auf persönliche Erfahrungen im eigenen Bekannten- und Verwandtenkreis. „Viele Jugendliche erzählen von Rat- und Hilflosigkeit im Umgang mit älteren Menschen. Genau hier will unser Programm ansetzen und den Dialog zwischen Jung und Alt fördern", erzählt Irmgard Neuß. Darüber hinaus spielt auch der Wille, sich sozial zu engagieren und anderen zu helfen, eine große Rolle. Viele Teilnehmende bleiben auch über den Praktikumszeitraum hinaus in den Einrichtungen für Seniorinnen und Senioren freiwillig aktiv. Oft nutzen Jugendliche das Programm aber auch zur Berufsfindung und als Gelegenheit, Pflege-, Pädagogik- und Medizinberufe kennenzulernen. „An den kooperierenden Schulen wird das Projekt sehr positiv aufgenommen. Sie sind große Fürsprecher intergenerativer Projekte und vermitteln ihre Begeisterung an die Schülerinnen und Schüler weiter", erzählt Elisabeth Bäther, Koordinatorin des Mehrgenerationenhauses Dülmen.
Erfolgreiches und preisgekröntes Projekt
Der große Erfolg des Projekts bestätigt sich nicht nur im positiven Feedback der Teilnehmenden und einer stetig wachsenden Anzahl von Freiwillig Engagierten. Beim „Westfalen bewegt"-Wettbewerb wurde das Konzept kürzlich von der Westfalen-Initiative mit dem zweiten Platz ausgezeichnet. Das Projekt erhielt darüber hinaus für die erfolgreich umgesetzte Förderung des freiwilligen Engagements ein Preisgeld von 10.000 Euro.
Für die Projektverantwortlichen ist die Auszeichnung zum einen ein toller Erfolg und Motivator, zum anderen verschafft es dem Projekt eine solide finanzielle Basis. „Für die Ausbildungskurse fallen mehrere tausend Euro Gebühren an, die wir bisher durch Fördergelder und Spendenaktionen finanzieren konnten. Durch das Preisgeld ist die Zukunft des Projekts für die nächsten Jahre auch ohne die freiwillig gespendeten Gelder gesichert", berichtet Irmgard Neuß. Zudem soll eine Informationsbroschüre zum Projekt erstellt werden, um ähnliche Angebote in anderen Städten zu etablieren. Auch von der Aufmerksamkeit, die dem Projekt durch die Auszeichnung zukommt, erhoffen sich die Projektverantwortlichen eine überregionale Verbreitung. „Zeitungen, Radio und Fernsehsender sind auf uns aufmerksam geworden – unter anderem der WDR. Es wäre wunderbar, wenn unser Projektansatz dadurch auch in anderen Städten und Gemeinden aufgegriffen und ebenso erfolgreich umgesetzt wird", sagt Irmgard Neuß.