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Wie Mehrgenerationenhäuser Angebote umsetzen: Neues aus den Häusern

Schritt für Schritt Gemeinschaft schaffen: Diese Tanzgruppe lässt niemanden zurück

Zum Tanzen ist man nie zu alt: Seit 20 Jahren bringt Marion Krüger mit Line Dance Seniorinnen auf der Fischerinsel in Berlin zusammen. Ein Besuch bei einer Gruppe, die zeigt, wie lebendige Nachbarschaft wirklich funktioniert.

Die Musik geht an und die Füße wissen, was zu tun ist. Vor Jahren einstudierte Schrittfolgen sind tief im Gedächtnis abgespeichert, die Bewegung kommt wie von selbst. An drei Tagen in der Woche treffen sich insgesamt 67 Seniorinnen in verschiedenen Gruppen im Stadtteilzentrum Kreativhaus zum Line Dance. Auf der Fischerinsel im Herzen Berlins haben sie über die Jahre hunderte Tänze einstudiert. Langeweile? Fehlanzeige.

Fitness im Alter – und so viel mehr

Brigitte ist Line-Dance-Fan durch und durch. Seit der ersten Tanzstunde ist sie Teil der Gruppe. Ein Flyer im Hausflur machte sie einst auf das Angebot aufmerksam – 20 Jahre später schwärmt sie immer noch in höchsten Tönen. „Line Dance ist für mich eine Offenbarung“, so die heute 83-Jährige. „Es schult den Geist. Jeder Tanz besteht aus bestimmten Schritten und erfordert Konzentration.“ Körperliche und geistige Fitness sind ihr wichtig – aber auch ein anderer Aspekt der Tanzgruppe bringt sie immer wieder zurück ins Mehrgenerationenhaus: „Tanzen in meinem Alter, wo kann man das denn überhaupt noch? Ich will nie fehlen.“

Dass Teilnehmerinnen wie Brigitte jede Woche gerne zur Line-Dance-Gruppe kommen, ist vor allem das Verdienst von Marion Krüger. Als sie die Gruppe übernahm, stand noch Standardtanz im Fokus – und es waren kaum noch Teilnehmerinnen dabei. Also wagte Marion Krüger den Neuanfang: Line Dance statt Paartanz. Der Andrang war groß, so die 67-Jährige: „Beim Line Dance hatten alle Spaß. Jeder kannte jemanden, der mitmachen wollte, die Gruppe wurde immer größer, bald konnte ich eine neue Anfängergruppe eröffnen.“ All das bewerkstelligte die ausgebildete Tanzleiterin neben ihrer beruflichen Tätigkeit als Zahntechnikerin. Inzwischen ist sie selbst Rentnerin, steckt aber weiterhin viel Freizeit in die Tanzangebote im Mehrgenerationenhaus.

Freundschaft über die Tanzfläche hinaus

Das Besondere am Line Dance: Niemand braucht einen Partner. Gerade im Alter ist das wichtig, erklärt Teilnehmerin Christine. Sie ist seit dem Tod ihres Mannes dabei: „Damals dachte ich mir: Bloß nicht zu Hause sitzen – such dir Kontakte!“ Heute ist sie 82 Jahre alt und seit 18 Jahren Teil der Gruppe, die ihr auch als soziales Umfeld wichtig ist. Es sind viele Freundschaften entstanden. Die Seniorinnen unternehmen außerhalb des Tanzsaals oft etwas miteinander, vom gemeinsamen Kaffeetrinken bis zu einer Reise nach Paris.

Aber auch in schweren Momenten lassen die Frauen einander nicht im Stich: Es gibt Teilnehmerinnen, die schwer krank oder nach langen Ausfällen, etwa wegen Operationen oder sogar Chemotherapien, in die Gruppen zurückkehren und weitertanzen. Auch, als eine Tänzerin vor Kurzem ihren Mann verlor, waren die anderen für sie da. Für Seniorinnen ist das leider keine seltene Situation, wie auch Christine weiß: „Es sind die Frauen, die übrig bleiben. In unserem Alter ist oft der Partner nicht mehr da. Da ist es wichtig, jemanden zu haben, der auch mal fragt: Wie geht es dir? Wir erfahren viel über die Sorgen der anderen.“

Ein „Safer Space“, von dem alle profitieren

Die Gemeinschaft der Tänzerinnen beeindruckt auch Susanne Schröder, die Koordinatorin des Mehrgenerationenhauses, immer wieder aufs Neue. Sie weist auf eine Tatsache hin, die oft übersehen wird, wenn es um die Anliegen von Seniorinnen und Senioren geht: „Auch ältere Menschen kommen aus mehreren Generationen. Über alle Line-Dance-Gruppen hinweg gibt es Teilnehmerinnen im Alter von unter 60 Jahren, die noch arbeiten, bis weit über 90. Das ist eine unglaublich große Spanne.“ 

Das Prinzip: Die unterschiedlichen Gruppen sind nach Anspruch und Bewegungsfähigkeit der Teilnehmenden eingeteilt. So gibt es unter anderem eine Auftrittsgruppe, die in den vergangenen Jahren etwa auf der Berliner Seniorenwoche, im Landschaftspark Britzer Garten und in Seniorenheimen aufgetreten ist. Auch bei Veranstaltungen im Mehrgenerationenhaus ist diese Gruppe regelmäßig dabei. In der Gruppe, in der Brigitte und Christine tanzen, ist der Altersdurchschnitt am höchsten. Susanne Schröder sieht darin auch einen Grund, wieso die Gemeinschaft der Tänzerinnen so stark ist: „In Gruppen wie dieser, wo die Struktur homogener ist, entsteht ein Safer Space, in dem man sich besonders vertrauensvoll austauscht.“ Gleichzeitig begegnen die Tänzerinnen im Mehrgenerationenhaus auch vielen jüngeren Menschen – zum Beispiel beim Mittagessen im offenen Treff oder bei gemeinsamen Feiern.

Dabei sind sich Brigitte, Christine, Marion und Susanne sicher: Line Dance könnte auch etwas für die Jüngeren sein. „Am besten wäre es, wenn wir eine neue Person gewinnen könnten, die Anfängerkurse macht“, sagt Marion. Denn das Interesse ist da – und was entstehen kann, wenn motivierte Menschen zusammenkommen, zeigt der Tanzsaal im Kreativhaus auf der Fischerinsel jede Woche aufs Neue.