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Wie Mehrgenerationenhäuser Angebote umsetzen: Neues aus den Häusern

Dialog statt Distanz: Wie Generationengespräche in Freilassing Demokratie stärken

Das Mehrgenerationenhaus in Freilassing bringt Schülerinnen und Schüler mit älteren Menschen und Geflüchteten ins Gespräch. So hören die Jugendlichen persönliche Lebensgeschichten aus erster Hand – statt historische Ereignisse nur theoretisch im Unterricht zu behandeln. Eine Erfahrung, die tief berührt und das gegenseitige Verständnis in der Stadt nachhaltig prägt.

Die Mitglieder des MGH Freilassing im Gespräch. (MGH Freilassing)

Stimmengemurmel erfüllt den grünen Innenhof der Bücherei. Die gedeckten Tische sind voll besetzt, der Duft von Kaffee und Kuchen liegt in der Luft. Auf den ersten Blick wirkt die Szenerie wie ein normales Nachbarschaftsfest. Doch wer genauer hinschaut, bemerkt die besondere Intensität der Gespräche: An einem Tisch beugt sich ein Teenager über das alte Poesiealbum eines Seniors, der zu jeder Seite eine kleine Geschichte zu erzählen hat. Manchmal witzig, manchmal rührend. Am Nebentisch berichtet eine ältere Frau vom Ende der DDR, ihrer Ausreise mit dem Trabbi und der Ankunft in Freilassing. Und noch ein paar Meter weiter erzählt ein junger Mann mit leiser Stimme von seiner lebensgefährlichen Flucht über das Mittelmeer. Eingeladen wurden sie von Schülerinnen und Schülern der Mittelschule Freilassing, die ihnen jetzt gebannt lauschen und viele Fragen stellen. 

„Die Jugendlichen haben sich gemeinsam mit uns und ihren Lehrkräften in einigen Unterrichtsstunden auf das heutige Treffen vorbereitet“, berichtet Karin Niedermeyer, Leiterin des Mehrgenerationenhauses Freilassing. Seit rund zehn Jahren organisiert sie Gesprächsrunden zwischen Schülerinnen und Schülern ab der achten Klasse und älteren Menschen. Die Formate sind dabei so vielfältig wie die Lebensgeschichten selbst: Die Begegnungen finden nicht nur in Kooperation mit verschiedenen Schulen statt, sondern auch direkt in Seniorenheimen oder im Rahmen des Geflüchteten-Projekts „Café Lingua“. „Mal sind das Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges, mal Geflüchtete, mal Seniorinnen und Senioren mit heute ausgestorbenen Berufen – oder einfach mit dem Wunsch, von früher zu erzählen.“ Das heutige Treffen hat sie zusammen mit der Schule und der Volkshochschule auf die Beine gestellt. „Denn es ist gar nicht so leicht, Personen zu finden, die mitmachen möchten. Schließlich geht es oft um sensible Themen, da können schlimme Erinnerungen hochkommen.“ 

Privilegien erkennen: Vorurteile abbauen durch ehrlichen Austausch

Doch die Mühe lohnt sich. Denn für Karin Niedermeyer liegt genau hier – im direkten Gespräch und im persönlichen Austausch – der Schlüssel zu einer empathischen Gesellschaft. „Ich bin überzeugt, dass diese Treffen nachhaltig wirken. Wer Menschen zuhört, die den Krieg erlebt haben oder aus ihrer Heimat flüchten mussten, der kann kein rechtes Gedankengut mehr teilen“, bringt sie es auf den Punkt. Gerade die intensiven Schilderungen von Flucht und Vertreibung verfehlen ihre Wirkung nicht. Wenn die Jugendlichen hören, was etwa der junge Geflüchtete erlebt hat, passiert etwas mit ihnen. „Den jungen Menschen wird oft dann erst bewusst, in was für einer privilegierten Lage sie eigentlich sind“, erzählt Karin Niedermeyer. Zu begreifen, dass sie nur durch pures Glück in Frieden und Sicherheit geboren wurden und die Geschichte des Gegenübers andernfalls die eigene hätte sein können, lässt Empathie wachsen. So lösen sich Vorurteile, die im Vorfeld vielleicht bestanden haben, im persönlichen und ehrlichen Kontakt auf.

Brücken bauen in Freilassing: Ein Gewinn für Jung und Alt

Aber auch für die ältere Generation ist das ehrliche Interesse der Jugendlichen ein großes Geschenk. „In einer Grenzstadt wie Freilassing, in der viele Menschen zugezogen oder geflüchtet sind, fehlen oft die klassischen, gewachsenen Familienstrukturen“, berichtet Karin Niedermeyer. „Viele junge Menschen haben keine Großeltern vor Ort. Gleichzeitig haben Seniorinnen und Senioren das Bedürfnis, ihr Wissen und ihre Lebenserfahrung weiterzugeben. Sie blühen sichtlich auf, wenn ihnen jemand aufmerksam zuhört.“ 

Zuhören als sozialer Kitt für die Stadtgesellschaft

Langfristig wirken sich diese echten Begegnungen positiv auf das Miteinander in Freilassing aus, davon ist Karin Niedermeyer überzeugt. Wer einmal intensiv miteinander gesprochen und Lebensgeschichten geteilt hat, der kennt sich – und grüßt sich fortan auch freundlich auf der Straße. Die Gespräche schaffen Verständnis und bauen Brücken über Alters- und Herkunftsgrenzen hinweg. Denn am Ende beginnt gesellschaftlicher Zusammenhalt genau dort: bei einem ehrlichen, offenen Ohr für die Mitmenschen.