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Wie Mehrgenerationenhäuser Angebote umsetzen: Neues aus den Häusern

Eine Idee mit Strahlkraft: Das Familienzentrum Aurich nimmt Mehrgenerationenhäuser zum Vorbild

Überall wuselt es. Es ist gerade Essenszeit im Mehrgenerationenhaus Salzgitter, als die kleine Delegation der Stadt Aurich die Einrichtung besucht. Kinder rennen umher. Mehrere Frauen haben sich zum Stricken getroffen. Eine ältere Dame hilft einem kleinen Mädchen bei den Hausaufgaben. Der Offene Treff des Hauses sei „wie ein Wohnzimmer" gewesen, erinnert sich die Auricher Sozialexpertin Ingeborg Hartmann-Seibt an den Besuch. „Eine solche Begegnungsstelle planen wir nun auch als Herzstück für unser Familienzentrum", sagt sie.

Das Familienzentrum Aurich soll eine Anlaufstelle für Jung und Alt werden. Wichtigstes Vorbild für das Projekt sind die Mehrgenerationenhäuser. Bildquelle: Haslob Kruse.

Seit 2008 verfolgt die niedersächsische Kreisstadt Aurich das Ziel, eine zentrale Anlaufstelle für Jung und Alt zu errichten. Das Gebäude soll unter anderem eine Kindertagesstätte mit Krippe und Hort, ein Mütter- und Frauenzentrum, einen Jugendclub sowie das städtische Amt für Kinder, Jugend und Familie beherbergen. In den kommenden Wochen ist Baubeginn. Wichtigstes Vorbild für das Projekt sind die Mehrgenerationenhäuser. 450 von ihnen werden derzeit im Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser II deutschlandweit gefördert. Obwohl die Idee noch jung ist – das Aktionsprogramm I startete 2006 –, macht sie bereits Schule, wie sich in Aurich beobachten lässt.

Anfangs sollte in Aurich nur das Jugendzentrum neugestaltet werden. Zugleich zeichnete sich ab, dass auch für die Seniorinnen und Senioren sowie Familien in der Stadt dringend etwas getan werden musste. „Hintergrund ist der demografische Wandel und eine Veränderung der Bevölkerungsstruktur", sagt Hartmann-Seibt, die die Lenkungsgruppe des Projekts leitet. Schließlich entschloss sich der Stadtrat auf dem Gelände eines ehemaligen Schwimmbades - nur 300 Meter Luftlinie vom Marktplatz der Stadt entfernt - ein Haus zu bauen, das den Bedürfnissen von Kindern, Jugendlichen sowie Seniorinnen und Senioren gleichermaßen gerecht werden soll.

Wie in einer Großfamilie

Zur Vorbereitung des Baus haben Hartmann-Seibt und ihr Team verschiedene Mehrgenerationshäuser in der Region besichtigt. Mit dabei war stets die 66-jährige Gerda Steffens, die sich seit Jahren freiwillig in Aurich engagiert und dem Seniorenbeirat der Stadt vorsitzt. Begeistert erinnert sie sich an einen der Besuche. „Ich fühlte mich wie in meine eigene Kindheit zurückversetzt", sagt sie. Sie sei auf einem Bauernhof groß geworden, da sei es damals selbstverständlich gewesen, dass mehrere Generationen unter einem Dach wohnten. „Wenn wir so etwas in Aurich hinbekommen würden, könnten wir der Stadt ein ganz großes Stück Seele zurückgeben."

Besonders beeindruckt zeigte sich Steffens vom offenen Charakter der Häuser, wie er nicht zuletzt in den Offenen Treffs der Einrichtungen zum Ausdruck kommt. „Gemeinsames Essen nimmt eine enorm wichtige Rolle ein, wenn man verschiedene Menschen zusammenbringen will", sagt sie. In Aurich möchte Steffens deshalb einen Kochtreff anbieten. Zudem plane sie Strick-, Stick- und Häkelkurse. Vor allem aber möchte sie einen Plattdeutschkurs für Kinder und Jugendliche auf die Beine stellen. „Wenn wir Älteren die regionale Sprache nicht jetzt an die jüngere Generation vermitteln, geht diese Sprache - dieser riesige Kulturschatz - verloren."

Das freiwillige Engagement der Menschen vor Ort ist eine wichtige Stütze für das Projekt. Auch das habe Aurich durch die Beschäftigung mit den Mehrgenerationenhäusern gelernt, sagt Hartmann-Seibt. Um Jung und Alt zusammenzubringen, bedürfe es eben „mehr als nur eines gemeinsames Gebäudes", sagt sie. Geplant sei deshalb, das lokale Büro für das Ehrenamt mit einzubinden.

Wissenstransfer zwischen den Generationen

Auch der Wissenstransfer zwischen den Generationen soll in Aurich eine ganz zentrale Rolle spielen. Die Leiterin der Kindertagesstätte „Pinguin", Doris Gieszenberg, gerät schon jetzt ins Schwärmen, wenn sie an die Möglichkeiten denkt, die sich ihrer Einrichtung durch den Umzug in das neue Zentrum eröffnen. „Die Kinder können in den geplanten Werkstätten von Handwerkerinnen und Handwerkern im Rentenalter lernen, wie mit Holz gearbeitet oder ein Fahrrad repariert wird", sagt sie. Im Nutzgarten der Anlage könnten die Kleinen von Älteren, die früher in der Landwirtschaft gearbeitet haben, viel praktisches Wissen über Pflanzen und die Natur vermittelt bekommen. „Schon die schiere Präsenz der Älteren mit ihrer Lebenserfahrung wird für die Kinder einen unglaublichen Zugewinn darstellen", unterstreicht Gieszenberg.