Zuhören, durchatmen, Kraft schöpfen: Wie ehrenamtliche Pflegebegleitung Angehörige entlastet
Ob bei einer Tasse Kaffee oder einem gemeinsamen Spaziergang: Im Mehrgenerationenhaus Beckum finden pflegende Angehörige nicht nur ein offenes Ohr für ihre ganz persönlichen Sorgen. Im Rahmen des Projektes „Ehrenamtliche Pflegebegleitung“ schenken ihnen geschulte Freiwillige außerdem wertvolle Auszeiten vom anstrengenden Pflegealltag.

Die Pflege eines geliebten Menschen kostet Kraft und Zeit. Oft vergessen pflegende Angehörige im dichten Pflegealltag ihre eigenen Bedürfnisse und haben keinen Raum für persönliche Sorgen. Das Mehrgenerationenhaus Beckum steuert hier mit einem besonderen Kooperationsprojekt gegen: Qualifizierte, ehrenamtliche Pflegebegleiterinnen und Pflegebegleiter schenken Zeit und holen die Pflegenden aus ihrem anstrengenden Alltag heraus.
Raum zum Durchatmen: Das Mehrgenerationenhaus als Ankerpunkt
Das Mehrgenerationenhaus Mütterzentrum Beckum e. V. ist das einzige Mehrgenerationenhaus im Kreis Warendorf und bereits seit 2007 eine verlässliche Institution. Mit rund 120 Besucherinnen und Besuchern pro Tag ist das Haus hervorragend in der Region vernetzt und für Menschen aller Altersklassen ein Treffpunkt. Genau diese Lebendigkeit und Bekanntheit machen das Haus zum idealen Motor für das Projekt „Ehrenamtliche Pflegebegleitung“, das in Kooperation mit dem Kreis Warendorf, der Stadt Beckum und dem Regionalbüro Alter, Pflege und Demenz umgesetzt wird.
Das Besondere an dem Angebot ist der klare Fokus: Im Mittelpunkt stehen die pflegenden Angehörigen, nicht die zu pflegenden Personen. Die Treffen mit den Ehrenamtlichen finden daher oft außerhalb der eigenen vier Wände statt. Bei Kaffee und Kuchen im gemütlichen Mehrgenerationenhaus oder bei einem gemeinsamen Spaziergang im Park kann eine wichtige räumliche Distanz zur Pflegesituation entstehen. „Es fällt den Angehörigen oft viel leichter, frei zu sprechen, loszulassen und durchzuatmen, wenn der pflegebedürftige Mensch nicht direkt im Nebenraum ist“, erklärt Tessa Rentrup-Wintergalen, die Leiterin des Mehrgenerationenhauses und Koordinatorin des Projektes.
Mehr als nur Entlastung: Wenn aus Begleitung echte Freundschaft wird
Wie wertvoll dieses Angebot in der Praxis ist, zeigt die Geschichte von Theresia und Marlis. Theresia pflegte seit mehreren Jahren ihren schwer pflegebedürftigen Ehemann und konnte ihn kaum noch alleine lassen. „Soziale Kontakte und Freundschaften nehmen im Alter ohnehin oft ab, besonders aber dann, wenn man durch die intensive Pflege das Haus kaum noch verlassen kann. Sie war sehr froh, als ich sie 2022 mit Marlis vernetzen konnte“, so Tessa Rentrup-Wintergalen. Marlis, eine ehemalige Sparkassenmitarbeiterin im Ruhestand, hatte eine Schulung zur ehrenamtlichen Pflegebegleitung absolviert und freute sich ebenfalls, sich nun engagieren zu können.
Die Koordinatorin spürte bei ihrem ersten Hausbesuch bei Theresia sofort, dass die beiden Frauen wunderbar zueinander passen könnten. Sie organisierte ein erstes Treffen im öffentlichen Café des Mehrgenerationenhauses, und die Sympathie war sofort spürbar – es war im positiven Sinne wie „Liebe auf den ersten Blick“. Zunächst trafen sich die beiden wöchentlich oder alle 14 Tage. Und obwohl der Ehemann von Marlis vor rund zwei Jahren verstorben ist, sehen sie sich bis heute. Aus der ehrenamtlichen Begleitung ist eine Freundschaft geworden.
Fingerspitzengefühl und Vertrauen: So funktioniert das „Matching“
Bevor ein solches harmonisches Tandem entsteht, leistet Tessa Rentrup-Wintergalen mit viel Empathie essenzielle Vorarbeit. Bei einem ersten Kennenlernen – das manchmal gar nicht als klassischer Hausbesuch, sondern beim Kaffeetrinken oder einem Spaziergang stattfindet – macht sie sich ein Bild von der Belastung der Angehörigen. Dabei ist immenses Fingerspitzengefühl gefragt, besonders wenn die zu pflegende Person anwesend ist.
Das Mehrgenerationenhaus legt größten Wert darauf, dass die Unterstützung völlig individuell, unverbindlich und ergebnisoffen gestaltet wird. Manche Angehörige wünschen sich ein wöchentliches Treffen, andere möchten sich nur einmal im Monat austauschen oder bevorzugen den Kontakt per Telefon. „Auch das Alter spielt keine Rolle: Wir haben auch schon ein Paar Mitte 50 kennengelernt, bei dem die Frau ihren an ALS erkrankten Ehemann pflegte“, so Tessa Rentrup-Wintergalen. Die speziell geschulten Ehrenamtlichen leisten dabei ausdrücklich keine Pflege oder Betreuung und greifen nicht in den Haushalt ein, sondern bieten rein psychosoziale Unterstützung für die Pflegenden. Sie unterliegen der Schweigepflicht und begleiten die Angehörigen auf Wunsch auch zu ersten Beratungsgesprächen, um bei komplizierten Anträgen oder der Suche nach einem passenden Pflegeheim als moralische Stütze zu dienen.
Die größte Hürde: Den Mut finden, Hilfe anzunehmen
Trotz des unbestreitbaren Mehrwerts bleibt die Nachfrage nach der ehrenamtlichen Pflegebegleitung bisher hinter den Erwartungen zurück. Aktuell gibt es drei ausgebildete Pflegebegleitungen, von denen derzeit mangels Nachfrage nur eine aktiv vermittelt ist. Die Koordinatorin vermutet die Gründe für diese Zurückhaltung: „Pflegende Angehörige haben ohnehin schon einen extrem vollen Kopf und einen getakteten Alltag. Wenn bereits mehrmals täglich der Pflegedienst kommt, ärztliche Termine anstehen und vielleicht noch die Kurzzeitpflege organisiert werden muss, empfinden viele den Gedanken an eine weitere Person im Haus oft erstmal als zusätzliche Belastung.“ Diese mentale Hemmschwelle versucht das Mehrgenerationenhaus abzubauen. In den Erstgesprächen wird betont, dass die Begleitung ganz ohne Druck abläuft und jederzeit pausiert oder abgesagt werden kann, falls es den Pflegenden an einem Tag zu viel wird. Die Angehörigen sollen spüren, dass es bei diesem Projekt zur Abwechslung nur um sie selbst und ihre eigene Selbstfürsorge geht.
Ein starkes Netzwerk für die Zukunft
Um pflegende Angehörige noch besser zu erreichen und die häusliche Pflegesituation nachhaltig zu stabilisieren, wünscht sich Tessa Rentrup-Wintergalen für die Zukunft vor allem eines: Genug Zeit, um das Angebot im Mehrgenerationenhaus noch größer aufzuziehen. Gleichzeitig hofft sie von ganzem Herzen, dass Angehörige künftig den Mut finden, sich helfen zu lassen und den ersten Schritt aus der Isolation zu gehen. Denn eine goldene Regel der Pflege gilt immer: Je besser es dem pflegenden Angehörigen geht, umso besser und stabiler ist die Situation für alle Seiten – also auch für die gepflegte Person.

















































































































