Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Aus der Praxis III Umgang mit Gegenwind: Vorleben und miterleben lassen – Strategien gegen Rechts

Jürgen B.* leitet ein Mehrgenerationenhaus in einem ostdeutschen Landkreis. Wir sprechen mit ihm über Anfeindungen von Rechts und die Herausforderungen, denen er und sein Team sich gegenüber sehen. Um ihn und sein Team zu schützen, veröffentlichen wir das Interview anonymisiert.

Ein Vorfall vom Februar 2018 wirft ein Schlaglicht auf die Situation: Ein Nachbar aus dem Haus gegenüber brüllte zusammen mit seinen Besuchern rechte Parolen und rassistische Beleidigungen. Außerdem zeigten sie den Hitlergruß in Richtung des Mehrgenerationenhauses, das sich für Demokratieförderung einsetzt und viele Angebote für Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte umsetzt.

Wir haben Jürgen B. gefragt, wie er dieses Geschehen einordnet und welche Konsequenzen er daraus für die Arbeit im Mehrgenerationenhaus zieht.

Welche Folgen hatte dieser Vorfall für Sie persönlich?

Ich wurde noch hellhöriger, was unsere Gegend betrifft. Und ich habe mich regelmäßig mit Kolleginnen und Kollegen über den Umgang mit Rechten ausgetauscht. Außerdem nutze ich Fortbildungen zum Argumentationstraining: Zuletzt habe ich an einem Online-Seminar „Ich bin ja kein Rassist, aber ...“ teilgenommen. Unterstützung ist wichtig, denn wir wollen Haltung zeigen und uns nicht einschüchtern lassen.

Können Sie uns das soziale Umfeld beschreiben, in dem Ihr Mehrgenerationenhaus liegt?

Unsere Region ist weitläufig und dünn besiedelt, die Infrastruktur eher schlecht. Das Mehrgenerationenhaus selbst liegt in einem einkommensschwachen Viertel der Stadt, hier leben viele Rentner, Leute mit schlecht bezahlten Jobs oder im SGB II-Bezug. Auch viele Geflüchtete haben hier Wohnungen gefunden. Früher sind mir nur wenige Rechte aufgefallen, vereinzelt sah man Jungs mit einschlägigen T-Shirts. Heute gibt es hier eine junge rechte Szene, aus der heraus auch Angriffe auf Jugendeinrichtungen oder Einzelpersonen verübt werden.

Wie nehmen Sie die Situation im Mehrgenerationenhaus wahr?
Nach 2015 hat sich hier einiges verändert. Einige unserer älteren Mittagstisch-Gäste begannen Ängste zu äußern, weil „so viele Ausländer in der Stadt“ seien: Man könne ja nur noch mit Pfefferspray aus dem Haus gehen. Das ist dann schon bestürzend, denn unser Mehrgenerationenhaus ist offen für alle, das ist uns wichtig und das vertreten wir auch klar und deutlich. Wir beraten Geflüchtete und haben auch den Jugendmigrationsdienst im Haus. Wenn ich darauf hinweise, kommt gern das Argument „Die kennen wir ja, das ist was anderes...“. Hier fehlt oft die Reflexion – umso wichtiger ist es, immer wieder mit denjenigen ins Gespräch zu kommen, die Ressentiments offen äußern. Auch wenn es schwierig und für unser Team manchmal belastend ist – wir wollen sie nicht verlieren. Das Mehrgenerationenhaus ist eben auch ein Ort, an dem sich Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft tatsächlich begegnen. Anderswo treffen sie sich ja gar nicht.

Was tun Sie noch, um ein demokratisches Miteinander und den Zusammenhalt vor Ort zu fördern?

Wir organisieren zum Beispiel direkte Kontakte mit der städtischen Politik, um die Leute hier teilhaben zu lassen. In Bürgerdialog-Stunden können die Anwohnerinnen und Anwohner Fragen stellen, ihre Sorgen schildern und manches Problem direkt aus der Welt schaffen. Außerdem gibt es Mitmach-Angebote, in denen sich die Kulturen begegnen. Beim gemeinsamen Kochen stellen die Menschen beispielsweise fest, dass der Blick über den Tellerrand nicht nur kulinarisch bereichernd sein kann.

Wie sieht Ihre Präventionsarbeit für Kinder aus?
Bei Kindern ist es anders: Manche plappern zwar die Vorurteile ihrer Eltern nach und behaupten, nicht mit „ausländischen Kindern“ spielen zu wollen. Aber wenn dann die Jungs mit Migrationshintergrund mit dem Kicken anfangen, ist das schnell vergessen und alle spielen zusammen. Die Eltern erreichen wir nicht, aber wir leben den Kindern Tag für Tag vor, wie wir multikulturell und weltoffen zusammenleben können. Und wir zeigen klare Kante, wenn zum Beispiel ein junger Besucher kommt und ein Thor Steinar-Shirt trägt, das er sich von seinem Vater geliehen hat. Das sprechen wir an und klären auf, was es damit auf sich hat. Gerade für die Kinder ist es wichtig, dass sie hier ihre eigenen Erfahrungen machen können, die sich stark von dem unterscheiden, was sie zum Teil in ihren Familien hören. Wir unterstützen das durch verschiedene Projekte zur Demokratieförderung: In Musik- und Töpferkursen sind Kinder unterschiedlichster Herkunft gemeinsam kreativ und in der Sommerfreizeit erarbeiten sie Hörspiele, Lieder und kleine Theaterstücke.

Welchen Stellenwert hat die Vernetzung mit anderen Trägern und Projekten für Ihre Arbeit?
Die gegenseitige Unterstützung ist enorm wichtig. Wir haben vor Ort gute Kontakte zu allen Kinder- und Jugendeinrichtungen – und besonders mit „Demokratie leben“ kooperieren wir sehr kreativ und unbürokratisch. Auch die demokratischen Parteien im Stadtrat stehen hinter uns. Diese Wertschätzung gibt uns Rückhalt, gerade auch bei Gegenwind von rechts.

*Name ist der Redaktion bekannt.