Engagiertenporträts

Inge Dahm

„Am Ende können alle lesen und schreiben“

Inge Dahm bietet Alphabetisierungskurse im Mehrgenerationenhaus Bürgerzentrum Mühlenviertel in Saarbrücken an. Im Interview spricht sie über den Weg ins Ehrenamt, herausfordernde Situationen während der Pandemie und ein noch viel zu großes Tabuthema.

Frau mit grauen Haaren, Brille und blauem Blazer sitzt an einem Tisch, auf dem ein Kasten mit Buchstabenplatten steht

Frau Dahm, wer besucht Ihr Angebot im Mehrgenerationenhaus?

Ich unterrichte aktuell vier Frauen, von denen drei jeden Tag von Montag bis Freitag für eine Stunde zu mir in den Unterricht kommen. Jede meiner Schülerinnen hat ihre ganz eigene Geschichte. Eine von ihnen kommt aus Togo. Sie kann zwar Französisch und mittlerweile auch Deutsch sprechen, aber nicht lesen und ist Legasthenikerin. Eine andere kommt aus Nord-Mazedonien und ist in ihren Vierzigern. Sie hat zwar früher eine Schule in Deutschland besucht, wurde dort aber ausgeschlossen und gemobbt und hat deswegen nie richtig lesen und schreiben gelernt. Und meine neue Schülerin, die erst seit wenigen Tagen bei mir im Unterricht ist, kommt aus Syrien und ist Kurdin. Sie hat in ihrem Leben noch nie eine Schule von innen gesehen. Die vierte, eine ältere Dame aus Ghana um die 70, ist sehr engagiert im Ort und hat wenig Zeit. Deswegen ist sie die Einzige, die ich samstags unterrichte.

Wie sieht eine Unterrichtsstunde bei Ihnen im Mehrgenerationenhaus aus?

Die unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedarfe meiner Schülerinnen sorgen dafür, dass jede Stunde anders ist. Ich habe keine feste Methode, sondern schaue immer, was die Menschen gerade an individueller Unterstützung brauchen. Wenn jemand noch nie in der Schule war, muss ich etwas anderes anbieten, als bei Personen, die zumindest schon einmal an einem Schulunterricht teilgenommen haben. Zum Beispiel die beiden Frauen aus Ghana und Syrien, die ich unterrichte, konnten in ihren Heimatländern nicht zur Schule gehen. Schließlich muss man auch das Lernen erst einmal lernen. Und für meine Schülerin mit Legasthenie verwende ich wieder andere Hilfsmittel und Methoden.

Wenn jemand zu Beginn noch gar nichts kann, weder die deutsche Sprache noch die lateinischen Buchstaben, verwende ich kleine Plättchen, auf denen die Buchstaben des Alphabets abgebildet sind. Wenn die Teilnehmenden einige Buchstaben kennen, fangen wir an, sie zu Wörtern zusammenzusetzen – zunächst einfache Begriffe wie „Mama“ oder „Info“. Und wenn auch das immer besser klappt, lesen wir Geschichten aus Büchern in einfacher Sprache. Dabei kommt es sehr auf Geduld an. Nichts funktioniert von einem Tag auf den anderen. Interessant finde ich immer wieder, dass jede Schülerin ihre eigene Übungsmethode hat. Während die eine meine Worte mit dem Handy aufnimmt, um sie sich dann anzuhören, bis sie diese selbst gut aussprechen kann, liest die andere alles, was ihr auf der Straße begegnet – von Straßenschildern bis zu Gebäudenamen. Aber egal, wie sie es angehen, am Ende können alle lesen und schreiben!

Wie lange engagieren Sie sich schon ehrenamtlich?

Da fragen Sie mich aber was! Als ich 2015 nach 14 Jahren aus China nach Deutschland zurückgekehrt bin, habe ich die Welt in Deutschland erst einmal nicht mehr verstanden: Ich wusste nichts über die aktuelle Flüchtlingssituation. Dann habe ich angefangen, mich in einem Erstaufnahme-Lager in Losheim zu engagieren. Zu meinen Aufgaben gehörte es zum Beispiel, Decken zu verteilen, Kleider auszugeben oder Betten zuzuteilen. Zusätzlich habe ich mich in einer Unterkunft für Asylsuchende in meinem Wohnort um die Menschen gekümmert, sie zu Ämtern sowie Ärztinnen und Ärzten gefahren und viele, viele Formulare ausgefüllt. Schließlich habe ich angefangen, ihnen Deutschunterricht zu geben.

2017 bin ich in den Komplex des Mehrgenerationen-Wohnprojekts in Saarbrücken gezogen, zu dem auch das Mehrgenerationenhaus mit seinen Räumlichkeiten mittendrin gehört. In mein Ehrenamt hier im Haus bin ich so reingewachsen. Über viele Gespräche hat sich eins nach dem anderen ergeben. Dass ich mit fast 80 Jahren noch ehrenamtlich aktiv bin, hätte ich mir vorher nie vorstellen können. Und so lange wie es geht, mache ich gerne weiter.

Wie konnten Sie während der Corona-Pandemie Ihren Unterricht fortführen?

Den Unterricht habe ich übers Handy oder Telefon durchgeführt, indem ich zum Beispiel meinen Text abfotografiert und den Schülerinnen als Nachricht geschickt habe. Per Videotelefonat konnten wir die Übungen dann zusammen bearbeiten und auch gemeinsam lesen. Sowohl ich als auch einige meiner Schülerinnen hatten zunächst Schwierigkeiten mit den Handys, weil wir nicht damit groß geworden sind. Da haben wir uns richtig durchgekämpft, aber trotzdem sind fast alle dabeigeblieben. Nur eine Schülerin hat sich leider nicht mehr gemeldet. Das tat mir leid, denn sie ist erst Anfang Zwanzig und hätte noch gute Chancen auf einen Job oder eine Ausbildung in Deutschland gehabt. Allerdings hat sie zu Hause auch noch zwei kleine Kinder zu versorgen. Da hat bestimmt einfach die Zeit gefehlt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wäre froh, wenn die Leute offen aussprechen könnten, wenn sie Hilfe beim Lesen und Schreiben brauchen. Es ist eine große Herausforderung, überhaupt an Menschen heranzukommen, die das nicht können. Das Thema Analphabetismus ist immer noch ein großes Tabu in unserer Gesellschaft. Wir können nicht einfach Plakate aufhängen und damit für den Unterricht werben. Das muss alles über Gespräche und Vernetzung laufen, damit wir die Sorgen und Ängste auffangen können. Ich habe es schon erlebt, dass mich eine Schülerin gebeten hat, dass ich sie nicht auf offener Straße grüße, wenn sie mit anderen Personen unterwegs ist. Es gibt Leute, die leben in glücklichen Familien, die Familienmitglieder wissen aber gar nicht, dass eine nahestehende Person, die Partnerin oder der Partner, Mutter oder Vater, nicht lesen oder schreiben kann. Die Leute sind da sehr erfinderisch mit Ausreden, aber gleichzeitig leiden sie sehr darunter. Wenn also jemand auf eine Idee kommt, wie man die 6,2 Millionen gering Literalisierten in Deutschland erreichen kann, wäre ich sehr dankbar. Ich kann sie zwar nicht alle unterrichten, aber doch zumindest einige davon!

Über Inge Dahm

Inge Dahm ist 79 Jahre alt und hat vor ihrer Pensionierung als Lehrerin in einer Realschule im Saarland gearbeitet. Heute gibt sie ehrenamtlich Alphabetisierungskurse im Mehrgenerationenhaus Bürgerzentrum Mühlenviertel in Saarbrücken.

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