Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Ein Mehrgenerationenhaus überquert Grenzen

965 Kilometer Luftlinie und vier Landesgrenzen trennen Belgrad und Stuttgart voneinander – und sind doch kein Hindernis.

Das Mehrgenerationenhaus wird eröffnet

965 Kilometer Luftlinie und vier Landesgrenzen trennen Belgrad und Stuttgart voneinander – und stellen doch kein Hindernis für Jelena Brkic dar. Die Belgraderin bringt die Mehrgenerationenhaus-Idee von Baden-Württemberg nach Serbien und eröffnet dort das intergenerative Mütterzentrum Aurora-mine.

 

Jelena Brkic kam 2015 nach Stuttgart. 15 Monate lebte sie mit ihrer Familie in einer Stuttgarter Flüchtlingsunterkunft und besuchte in dieser Zeit oft das Mehrgenerationenhaus „Gebrüder Schmid Zentrum“ in Stuttgart Heslach – dann wurde ihr Asylantrag abgelehnt.

Zuerst war das ein Schock für die Roma-Familie: „Das war eine schwierige Zeit für uns, unsere Hoffnungen auf Arbeit und ein gutes Leben in Deutschland waren auf einmal zerstört. Wir waren sehr traurig“, erzählte Jelena Brkic. Dann schöpfte sie neue Hoffnung und beschloss, das Beste aus der verbleibenden Zeit in Deutschland zu machen. Andrea Laux, die Koordinatorin des Mehrgenerationenhauses in Heslach, hat große Achtung vor der Energie von Jelena Brkic und ihrer Familie: „Anstatt zu resignieren, nutzten die Brkics die Zeit bis zur Ausreise und lernten die Strukturen und Angebote unseres Mehrgenerationenhauses genauer kennen.“ Der Plan, ein ähnliches Projekt in Belgrad aufzubauen, entstand. „Jelena wollte nicht tatenlos herumsitzen, sie wollte sich engagieren und Probleme angehen, mit denen die Roma am Stadtrand von Belgrad zu kämpfen haben“, erzählt Laux.

Jelena Brkic erinnert sich an diese Zeit: „Zuerst war ich wie gelähmt, als klar war, wir müssen nach Serbien zurückgehen. Ich habe mich in meiner Zeit in Stuttgart im Mehrgenerationenhaus am täglich stattfindenden Flüchtlingscafé beteiligt und das Mütterzentrum besucht. Für mich war es eine ganz neue Erfahrung, gemeinsam mit anderen etwas auf die Beine zu stellen. Das hat mich sehr motiviert, mich nicht weiter von der Angst leiten zu lassen, sondern etwas zu wagen. Mit meiner Initiative Aurora-mine, dem intergenerativen Roma-Mütterzentrum in Belgrad, wurde mir klar, dass es strukturelle Ungerechtigkeiten in meinem Land sind, die mich in meiner Entwicklung gehindert haben. Heute nehme ich mein Leben selbst in die Hand und bin Teil der Veränderung der Lebensbedingungen in meiner Kommune. Ich habe erfahren, was Netzwerken bedeutet, und habe gelernt zu vertrauen. Ich bin nicht mehr allein.“

 

Die Mehrgenerationenhaus-Idee in Serbien

Gemeinsam mit Andrea Laux entwarf sie ein Konzept für das Zentrum „Von Roma für Roma“. Familien sollen sich hier gegenseitig unterstützen und sich gemeinsam für die Verbesserung ihrer Lebenssituation einsetzen.

Dieser Tatendrang schlug Wellen: Im April 2018 öffnete das intergenerative Mütterzentrum Aurora-mine seine Pforten und neben vielen serbischen Vertreterinnen und Vertretern nahmen einige Teilnehmende einer Regierungsdelegation Baden-Württembergs um Ministerpräsident Winfried Kretschmann an diesem Ereignis teil.

Staatsrätin Gisela Erler, die ebenfalls zur Regierungsdelegation gehörte, lernte Familie Brkic schon in Deutschland kennen. Sie machte ihr Versprechen wahr und kam zur Eröffnung nach Belgrad. „Ein großer Moment für uns alle“, sagte sie sichtlich beeindruckt von dem, was Familie Brkic mit Freunden und Nachbarn binnen kurzer Zeit auf die Beine gestellt hatte, in ihrer Rede. „Dieses Mütterzentrum hilft, Gemeinschaft zu leben und gegenseitige Unterstützung zu organisieren. Ein Neubeginn für Menschen, die kaum Zugang zu Bildung und Arbeit haben und aus diesem Grund ihre Hoffnungen auf ein Leben in Deutschland setzten.“

Und auch Andrea Laux erzählt nach Ihrer Rückkehr aus Belgrad, wie beeindruckt sie von der Leistung der engagierten Roma-Familien vor Ort ist: „Den Gedanken, dass es eine Gemeinschaftsaufgabe ist, sich für eine offene Gesellschaft stark zu machen, verstehen Menschen, denen es schlecht geht, sehr gut“, so ihr Eindruck aus Belgrad. Sie beschreibt die Mehrgenerationenhäuser auch als „Bühne, auf der man das Gute zeigen kann, das in einem steckt.“ Dieses Phänomen hat sie auch in Belgrad wahrgenommen: „Der Geist, der in den Mehrgenerationenhäusern wirkt, ist im Aurora-mine schon angekommen.“

Die Kooperation mit Belgrad dagegen ist noch lange nicht abgeschlossen: „Nach der Delegationsreise haben wir in einem großen Unterstützungskreis beschlossen, dass wir als nächsten Schritt den Bau und die Entwicklung eines Mehrgenerationenhauses als Kompetenzzentrum in Belgrad fördern werden. Angedacht ist ein Zentrum von Roma für alle, in dem die Schwerpunkte ‚ Caring, Community Development und Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt’ bearbeitet werden“, so Laux.