Wo Wunder wahr werden: „Family Literacy“ im Familienzentrum Bammental
Jedes vierte Kind in Deutschland kann nicht richtig lesen. Das Mehrgenerationenhaus Bammental unterstützt Familien mit einem kreativen Leseangebot für Jung und Alt. Im Programm der familienorientierten Grundbildung verbindet das Haus Leseförderung mit Spiel und Spaß – von der Vorlesezeit bis zum Bobby-Car-Autokino.

Der Boden ist ausgelegt mit weichen Matten, Sofakissen und Sitzsäcken, in der Ecke steht ein großer, alter Schreibtisch, an der Wand ein riesiges Bücherregal. Wer einen kurzen Blick durch die Tür erhascht, wird schnell feststellen: Gemütlicher als hier, in dem schicken Altbau mitten in Bammental, kann ein Zimmer nicht eingerichtet sein.
Die Gemütlichkeit kommt nicht von ungefähr. Sie dient einem guten Zweck: Es ist Vorlesezeit im Familienzentrum Bammental. Immer freitags um 16 Uhr sind Eltern mit ihren Kindergarten- oder Vorschulkindern eingeladen, dem Zauber des Vorlesens zu lauschen. „Es gibt kaum etwas Schöneres, als gemeinsam in eine Geschichte einzutauchen – Seite für Seite, Wort für Wort“, sagt Katharina Richter, die sich im Familienzentrum für das Projekt der familienorientierten Grundbildung einsetzt.
Leseschwäche hat viele Gründe
„Lesen ist ein großes Wunder“, zitiert sie die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach – und weiß zugleich: Für immer weniger Kinder wird dieses Wunder wahr. Denn im Social-Media-Zeitalter schwindet nicht nur die Lust auf Lesen, sondern auch die Fähigkeit: Laut der internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) erreicht in Deutschland mittlerweile jedes vierte Kind in der 4. Klasse nicht mehr die Mindeststandards. Die Gründe dafür finden sich im Bildungssystem, oft aber auch im Elternhaus – und beides hängt miteinander zusammen. Auch in Bammental.
Mit rund 6.500 Einwohnern ist Bammental eine kleine Gemeinde. Doch die großen Probleme machen auch vor ihr keinen Halt. Mehr als jeder dritte Haushalt zählt hier zu jenen mit einem niedrigen Einkommen. Etwa jedes zehnte Kind ist von Armut betroffen. Das wirkt sich insbesondere auf die Bildung aus – und bedingt damit die Zukunftschancen zahlreicher junger Menschen zwischen Kraichgau und Odenwald.
„Family Literacy“: Comeback der Schriftkultur
Genau hier setzt das Mehrgenerationenhaus Familienzentrum Bammental an. Das Team hat erkannt, dass isolierte Fördermaßnahmen oft ins Leere laufen. Mit dem über das Bundesprogramm „Mehrgenerationenhaus. Miteinander – Füreinander“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) geförderten Projekt der familienorientierten Grundbildung vereint das Haus zahlreiche Angebote unter einem Dach und verbindet sie mit dem Ansatz der „Family Literacy“.
Das klingt kompliziert, doch das Prinzip dahinter ist so simpel wie effektiv: „Wer die Eltern stärkt, erreicht die Kinder“, erklärt Richter. Also greift das Angebot den Wunsch von Eltern auf, sich wegen ihrer Kinder weiterzubilden – und nutzt ihn als Lernmotiv. Richter: „Es geht darum, die sogenannte Schriftkultur zurück in die Familien zu bringen.“
Vom Erzähltheater bis zum Autokino für Bobby-Cars
Wie das gelingt? Die Vorlesezeit ist nur ein Beispiel dafür. Es gibt noch jede Menge weitere Veranstaltungen, Projekte, Initiativen. Um die Hürden so niedrig wie möglich zu halten, setzt das Familienzentrum Bammental auf moderne und kreative Medien. Ein Highlight ist zum Beispiel das „Kamishibai“. Ein Erzähltheater mit großen Bildern, das Geschichten lebendig werden lässt. Gleichzeitig verschließt sich das Haus nicht der Digitalisierung. Mit „Onilo“ ziehen animierte Bilderbücher in die Bibliothek ein. Solche Aktionen, kombiniert mit kreativen Ideen wie einem Bobby-Car-Autokino oder einem Lesepicknick, machen trockene Leseförderung zu Events, die Spaß machen.
All das ist mittlerweile sogar mit dem „Alphasiegel“ beglaubigt. Einer Auszeichnung für Organisationen, die sich für Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten engagieren – wie das Familienzentrum Bammental. Für die Besucher bedeutet das ganz praktisch: Es gibt Bücher in einfacher Sprache, die Aufstellungssystematik wurde geändert und das Personal ist durch Sensibilisierungsschulungen vorbereitet.
Das Team fasst seine Philosophie in den „vier Z“ zusammen: Zeit, Zuwendung, zündende Ideen und Zutrauen. Wenn das alles gegeben ist, kommt sogar ein fünftes Z hinzu: Zukunftschancen – und zwar für alle Kinder in Bammental.