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Gemeinsam statt einsam – Wie Mehrgenerationenhäuser Einsamkeit begegnen

Im Gespräch mit Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier: „Einsamkeit darf kein Tabu-Thema sein“

Einsamkeit hat viele Facetten und wird unterschiedlich wahrgenommen. Betroffenen fällt es oft schwer, Unterstützung anzunehmen. Was helfen kann, weiß Psychologin und Psychotherapeutin Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier.

Was ist Einsamkeit?

Einsamkeit beschreibt das negative subjektive Gefühl, dass eine Diskrepanz zwischen der tatsächlichen und der gewünschten Qualität und Quantität der sozialen Beziehungen einer Person besteht. Wichtig ist: Einsamkeit und soziale Isolation sind nicht dasselbe. Soziale Isolation bezieht sich auf den objektiven Zustand des Alleinseins. Einsamkeit hingegen beschreibt die subjektiv wahrgenommene Isolation einer Person. Einige Menschen sind gerne allein. Andere wiederum sind einsam, obwohl sie von außen betrachtet ein großes soziales Netzwerk haben.

Welche Gefahren gehen mit Einsamkeit für die physische und psychische Gesundheit einher?

Einsamkeit ist per se keine Krankheit oder Störung, aber ein Risikofaktor für gesundheitliche Probleme wie Depressionen, Herz-Kreislauf-Probleme und kognitive Defizite. Studien zeigen, dass einsame Personen zu ungesunden Verhaltensweisen wie Rauchen, Alkoholismus und Übergewicht neigen, zudem ist das Mortalitätsrisiko – also das Sterberisiko – erhöht. 

Wie misst man Einsamkeit?

Es gibt keine einheitliche Definition von Einsamkeit bzw. kein eindeutiges Kriterium dafür, ab wann eine Person als einsam gilt. Aus diesem Grund ist die Messung von Einsamkeit nicht trivial. Für die Forschung sind einige Fragebögen entwickelt worden. In der Interpersonellen Psychotherapie nutzt man im Rahmen der Therapie die Erfassung des sogenannten „Sozialen Netzes“. Dabei schreiben Betroffene alle Namen von den Menschen, mit denen sie in einer Verbindung stehen, auf ein Arbeitsblatt. Dieses ist so gestaltet, dass in der Mitte „ich“ steht. Drumherum sind verschiedene Kreise abgebildet. Je nachdem wie nah sich die oder der Betroffene der Person fühlt, kann sie oder er Namen in einen der Kreise eintragen und darüber nachdenken, was in der Beziehung gut oder schlecht läuft, und ob die oder der Betroffene sich eine Veränderung wünscht. Dies kann eine gute Möglichkeit zur Erfassung von objektiver Isolation und subjektiv wahrgenommener Einsamkeit sein.

Welche Rolle spielt Einsamkeit in unserer Gesellschaft?

Einsamkeit ist stark stigmatisiert. Betroffene schämen sich häufig. Die Stigmatisierung kann dazu führen, dass Menschen sich nicht trauen, psychosoziale Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Die Auswirkungen von Einsamkeit auf den Körper und die Psyche sind aber erheblich. Es ist also wichtig, das Thema Einsamkeit zu enttabuisieren und immer wieder darauf hinzuweisen, wie wichtig positive soziale Beziehungen für die physische und psychische Gesundheit sind.

Wie wird Einsamkeit von Betroffenen erlebt?

Einsamkeit wird von jedem Betroffenen anders empfunden. Typische Empfindungen sind Verzweiflung, Leere, Anspannung und Traurigkeit. Oft wird Einsamkeit auch körperlich spürbar, zum Beispiel durch ein enges Gefühl oder ein Ziehen in der Brust, dem „Herzschmerz“. Betroffene verspüren ein starkes Verlangen nach Nähe und sozialen Kontakten. Obwohl manche Menschen von Anderen umgeben sind, fühlen sie sich einsam. Dabei muss ich immer an das Gedicht „Kennst du das auch?“ von Hermann Hesse denken.

Welche Personengruppen sind besonders von Einsamkeit betroffen? In welchen Lebensphasen sind Menschen besonders einsam?

Besonders häufig von Einsamkeit betroffen sind Menschen, die allein leben, alleinerziehend sind, Singles, pflegende Angehörige oder Menschen mit Migrationshintergrund. Geringe Mobilität, gesundheitliche Einschränkungen, ein niedriger Bildungsstand und nur geringe finanzielle Möglichkeiten: Auch das alles kann Einsamkeit begünstigen. Nicht nur ältere Menschen ab 80 Jahren können sich einsam fühlen. Auch junge Erwachsene zwischen 18 und 29 haben mit diesem Problem zu kämpfen. Entscheidend ist also nicht das Alter. Es geht um externe Faktoren. Bei Älteren ist es häufig der Verlust von nahestehenden Personen und die eingeschränkte Mobilität, für junge Erwachsene kann Einsamkeit aufgrund der Bewältigung großer Lebensaufgaben wie der Berufseinführung oder der Gründung einer Familie auftreten. Frauen sind aufgrund ihrer höheren Verwitwungsrate, Armutsgefährdung und Pflegerolle gefährdeter.

Was ist mit Kindern, sind die auch einsam?

Es gibt noch wenig Forschung zu Einsamkeit bei Kindern und Jugendlichen, obwohl Prävention und Intervention in dieser Altersgruppe wichtig sind. Denn es ist belegt, dass auch bei Jugendlichen Einsamkeit oft mit psychischen Erkrankungen einhergeht. Gleichaltrige sind in dieser Entwicklungsphase besonders wichtig für die Identität und Unterstützung.

Wie hat sich das Problem in den letzten Jahren verändert? Hat die Einsamkeit, die während der Pandemie gestiegen ist, wieder abgenommen?

Das Empfinden von Einsamkeit stieg in Deutschland während der Corona-Pandemie deutlich an. Laut dem Sozioökonomischen Panel fühlten sich 2013 noch 14,5 % der Deutschen zumindest manchmal einsam, 2017 waren es 14,2 % und 2021 sogar 42 %. Insbesondere seit der Pandemie haben viele junge Menschen das Gefühl, sich (zumindest manchmal) einsam zu fühlen (1). Seitdem es die Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung des Corona-Virus nicht mehr gibt, hat auch die Einsamkeit in der deutschen Bevölkerung wieder abgenommen.

Wie lässt sich Einsamkeit wirksam verringern?

Einsamkeit kann oft nicht aus eigener Kraft überwunden werden. Unterstützung von außen ist wichtig. Moderne Kommunikationsmöglichkeiten helfen, auch bei größerer Entfernung oder fehlender Mobilität in Kontakt zu bleiben. Es gibt viele wertvolle Projekte und Initiativen, die Menschen zusammenbringen wie „Verein(t) gegen Einsamkeit“ vom Deutschen Olympischen Sportbund, das vom Bundesfamilienministerium gefördert wird oder das „Befriending-Programm“, das Kontakte zwischen älteren Personen und Freiwilligen herstellt. Auch durch therapeutische Unterstützung können Betroffene lernen, Kontakte zu finden, auszubauen und zu festigen.

Worauf müssen Interventionen achten und was hilft besonders gut? Welche Faktoren sind wichtig, damit Maßnahmen zur Vorbeugung und Bekämpfung von Einsamkeit erfolgreich sind?

Aufklärungskampagnen und körperliche Gesundheit können dazu beitragen, Einsamkeit zu verhindern. Auch eine Psychotherapie kann helfen, insbesondere wenn Betroffene dazu mit einer Depression oder anderen psychischen Störungen kämpfen müssen. Da Einsamkeit oft mit Selbstabwertung und Schuldgefühlen sowie Unsicherheit und sozialen Ängsten einhergeht, ist es wichtig, das Selbstwertgefühl zu steigern.

Welche Rolle können Mehrgenerationenhäuser bei diesem Thema spielen?

Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Verhinderung von Einsamkeit, insbesondere bei älteren Erwachsenen, die alleinstehend oder verwitwet sind. Sie bieten die Möglichkeit für tägliche Begegnungen und Austausch – das, was einsamen Menschen häufig fehlt. Das Zusammenleben von verschiedenen Generationen ist für viele wertvoll und bereichernd.

Zur Person

Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier ist Musikerin, Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin und Professorin an der Universität Greifswald, sowie Direktorin des Zentrums für Psychologische Psychotherapie in Greifswald und Leiterin der Initiative „Gemeinsam für psychische Gesundheit“. Zudem ist sie President-Elect der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs).

 

(1) www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.820781.de/diw_aktuell_67.pdf