Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Sozialraumkoordination durch das Mehrgenerationenhaus Heidelberg

Das Mehrgenerationenhaus Heidelberg versteht sich als Sozialraumkoordinator, der die Potenziale aller Beteiligten zusammenbringt und als Drehscheibe einer lebendigen Nachbarschaft. Auf diese Weise wird Partizipation gefördert und zum Entstehen einer vielfältigen Gemeinschaft beigetragen. Hauskoordinator Ingo Franz und Dr. Nicolas Albrecht-Bindseil, Vorstandsmitglied des Hauses, verbinden diesen Aspekt zusätzlich mit einem Wohnprojekt auch für behinderte Menschen. Im Rahmen dieses inklusiven Ansatzes kommen Bewohnerinnen und Bewohner mit Nutzerinnen und Nutzern unter einem Dach zusammen.

Das Mehrgenerationenhaus Heidelberg: Zentraler Begegnungsort in der Nachbarschaft und inklusives Wohnprojekt unter einem Dach

 Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Häufig leben Angehörige weit entfernt, klassische Familienstrukturen sind oft nur noch begrenzt tragfähig. Dennoch haben viele Menschen den Wunsch, sich in eine Gemeinschaft einzubringen. Hierbei sind die Mehrgenerationenhäuser wichtige Anlaufstellen vor Ort. Freiwillig Engagierte finden in den Häusern Raum für eigene Projekte oder die Nachbarschaft kommt zu einer Veranstaltung zusammen. Dabei sind die Mehrgenerationenhäuser nicht nur Dienstleister, sondern auch Koordinatoren des Sozialen Raums. „Die Mehrgenerationenhäuser reduzieren Soziale Arbeit nicht auf den Dienstleistungsbegriff, sondern fördern gesellschaftliche Teilhabe und Selbstständigkeit", sagt Dr. Nicolas Albrecht-Bindseil, der am Aufbau des Mehrgenerationenhauses Heidelberg maßgeblich beteiligt war.

Die Mehrgenerationenhäuser als Koordinatoren im Sozialen Raum

Als Sozialraumkoordinatoren erkennen die Häuser Bedarfe und bringen Menschen zusammen. Die vielen Hauptamtlichen und Freiwillig Engagierten der Mehrgenerationenhäuser schaffen durch Planung von Aktivitäten sowie Aktivierung und Vermittlung von Freiwilligen Mehrwerte, von denen die Menschen in der Region profitieren. Das geschieht in Heidelberg jeden Tag wie selbstverständlich. Wenn etwa die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses von einer älteren Nutzerin erzählt bekommen, dass ihre Freundin kürzlich fast gestolpert sei, weil der Wohnzimmerteppich nicht mehr richtig angeklebt ist, wenden sie sich an Michael Toth. Der handwerklich begabte Freiwillig Engagierte, der einen alten VW-Bus zu einer mobilen Werkstatt ausgebaut hat, bietet dann gern seine Hilfe an. So entstehen tragfähige nachbarschaftliche Netzwerke.

Ein anderes Mal erzählte ein Familienvater von einem anstehenden Geburtstag. Sein Sohn wünschte sich ein Fahrrad, das sich die Familie jedoch nicht leisten konnte. Das Mehrgenerationenhaus erfuhr durch einen Nutzer von einem nicht mehr benötigten Kinderfahrrad in der Nachbarschaft und ermöglichte, dass der Vater das Fahrrad in der Werkstatt eines kooperierenden örtlichen Unternehmens kostenlos aufarbeiten konnte. „Das Haus funktioniert wie ein zentraler Bahnhof: Von hier aus werden alle Ankommenden auf das richtige Gleis weitergeleitet", erklärt Dr. Nicolas Albrecht-Bindseil das Selbstverständnis des Hauses. Das Thema Sozialraumkoordination weckt zunehmend Interesse, dies zeigt auch der Deutschlandfunkbeitrag „Gemeinschaft in der Stadt" vom 5. Februar 2014 in der Reihe „Länderzeit", der direkt aus dem Mehrgenerationenhaus Heidelberg gesendet wurde.

Das Heidelberger Modell

Im Mehrgenerationenhaus Heidelberg wird dieses Selbstverständnis durch ein Wohnprojekt ergänzt. Menschen mit und ohne Assistenzbedarf leben als offene Gemeinschaft im Mehrgenerationenhaus unter einem Dach zusammen. „Für Pflege und Betreuung im Alter, aber auch bei körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen in jungen Jahren müssen neue Konzepte entwickelt werden, die die Integration in die Gemeinschaft fördern, anstatt die Betroffenen in zielgruppenspezifischen Einrichtungen zu separieren", sagt der Koordinator des Mehrgenerationenhauses Heidelberg Ingo Franz. Beispielhaft für die Arbeit des Hauses ist die Geschichte einer älteren Dame. Sie engagierte sich jahrelang als „gute Seele" des Hauses. Als ihr fortgeschrittenes Alter schließlich zu einem Assistenzbedarf führte, entschloss sie sich, im Mehrgenerationenhaus zu wohnen.

Durch die guten Kooperationen mit Pflegedienstleistern konnte sie lange in einer eigenen Wohnung im Mehrgenerationenhaus leben. Erst sehr spät wurde die Unterbringung im benachbarten Pflegeheim notwendig. Dort bekam sie täglich viele Besuche aus dem großen Netzwerk der Freiwillig Engagierten. Das ganzheitliche Konzept des Hauses erlaubte es ihr bis zuletzt, am sozialen Leben teilzuhaben. „Die Begegnung von Bewohnerinnen und Bewohnern mit Nutzerinnen und Nutzern aus der Nachbarschaft bereichert beide Teile des Projekts", berichtet Ingo Franz. Beispiele wie dieses zeigen, wie bereichernd flexible, generationenübergreifende Konzepte sind und wie wichtig es für die Lebensqualität der Betroffenen ist, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten weiterhin einbringen zu können. Die Mehrgenerationenhäuser leisten durch Sozialraumkoordination und die Förderung aktiver Teilhabe hierzu einen wichtigen Beitrag.