Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Die Welt der Buchstaben erschließen im Mehrgenerationenhaus

Das Gothaer Mehrgenerationenhaus hat einen Videoclip über funktionalen Analphabetismus gedreht. Das Haus ist seit 2018 im Sonderschwerpunkt „Förderung der Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen“ aktiv.

Fotocredit: BMBF/Bernd Seydel

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Das Gothaer Mehrgenerationenhaus hat einen Videoclip über funktionalen Analphabetismus gedreht. Das Haus ist seit 2018 im Sonderschwerpunkt „Förderung der Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen“ aktiv.

„Es geht auch anders“ – Unter diesem Motto beginnt das Kurzvideo, das im thüringischen Gotha gedreht wurde. Im Hintergrund zählt eine Mädchenstimme das Alphabet auf, bevor eine junge Frau zu sehen ist, die eine Fibel in der Hand hält. „RUHEEE!“, ruft sie und erklärt: „Das, sind eure 26 Freunde. Ich zeige euch 26 meiner Freunde!“.

Im März 2019 entstand das Kurzvideo, in dem geringe Literalität bei Erwachsenen thematisiert wird. Der Projektleiterin, Julia Krebs, ist es wichtig, das Thema Alphabetisierung positiv darzustellen: „Die Menschen trauen sich meist nicht, darüber zu sprechen, dass Lesen und/oder Schreiben eine Herausforderung für sie ist. Mit dem Video wollen wir ihnen sagen: Es ist okay, es nicht zu können. Man muss die Schwierigkeiten zugeben dürfen. Und es ist nie zu spät, Lesen und Schreiben zu lernen!“

Das Haus bietet auch eine Medienwerkstatt an, in der sich Klein und Groß innovativ mit Medien auseinandersetzen. „Bei diesen zwei tollen Projekten haben wir uns gedacht: Wieso nicht kombinieren?“, so Krebs. „Nachdem wir einen Regisseur und einen Kameramann gefunden hatten, brauchten wir nur noch Ehrenamtliche, die uns unterstützen.“ Die Projektgruppe gründete sich. „Zwei lange und kreative Nachmittage hat es gedauert, bis wir die vielen bunten Ideen geordnet auf Papier hatten. Dann konnte es losgehen.“

Die Geschichte erzählt von einer jungen Frau aus Gotha, die nicht richtig schreiben und lesen kann. Sie erzählt, dass ihr die 26 Buchstaben des Alphabets nicht helfen, sie sich dafür aber 26 Alternativen besorgt hat. Dazu gehört zum Beispiel Sven, der ihr aus einem Kochbuch Rezepte vorliest. Oder auch Juliane, die Apothekerin, die ihr den Beipackzettel erklärt. So taucht der Zuschauer Stück für Stück in die Welt der jungen Frau ein und erfährt, wie das Leben einer funktionalen Analphabetin aussieht, und kann sich bewusst werden, welche Rolle Schriftsprache im Alltag einnimmt.

„Die verschiedenen Szenen haben wir an 28 Orten in unserem schönen Gotha gedreht. Nach einem langen Drehtag hatten wir dann alles im Kasten“, so Krebs. „Den fertigen Film haben wir uns alle zusammen in unserem Mehrgenerationenhaus angeschaut. Die Rückmeldungen waren durchweg positiv.“

Das Mehrgenerationenhaus bietet mehrere Projekte im Sonderschwerpunkt an. Dazu gehört auch das Kopf-Café, das einmal die Woche stattfindet. Hier wird bei gemütlichem Zusammensitzen Kopfrechnen geübt. „Wenn wir sehen, dass es bei manchen mit dem Kopfrechnen nicht so gut klappt, ist das meist auch beim Lesen und Schreiben der Fall. Da versuchen wir anzusetzen“, erzählt Projektleiterin Krebs. Weitere Angebote des Hauses sind eine wöchentliche Beratung, beispielsweise zum Umgang mit Behördenpost, ein Sammelprojekt mit den Lebensgeschichten von Menschen, die nicht gut lesen und schreiben können, eine Eltern-Kind-Runde und öffentliche Aktionen sowie Veranstaltungen zum Thema. Ganz neu ist die Wunsch-Zeit, in welcher auf individuelle Berührungspunkte mit Schriftsprache, wie zum Beispiel die Fahrschultheorie, eingegangen wird. „Unsere zwei großen Ziele sind es“, so Krebs, „die entsprechenden Personen in einen Alphabetisierungskurs der lokalen Volkshochschule einzugliedern und das Thema funktionaler Analphabetismus in der Gesellschaft Stück für Stück zu enttabuisieren“. 

Julia Krebs erklärt, dass es trotz der vielen Angebote schwer ist, die Betroffenen zu erreichen: „Die Menschen schämen sich meist, dass sie nicht gut lesen und schreiben können, weswegen nicht alle unsere Angebote annehmen. Wir versuchen mittlerweile mehr, gering Literalisierte über Multiplikatoren zu erreichen, also vor allem in Bildungseinrichtungen. Es ist wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und ihnen die Angst zu nehmen. Unter dem Motto Bildung betrifft uns alle! rufen wir jede und jeden dazu auf, sich einzubringen.“

Hier kommen Sie zu dem Gothaer Video.