"Wir nehmen Freiwillige ernst"
Wie begeistert man Menschen für bürgerschaftliches Engagement im Mehrgenerationenhaus? Und wie profitieren die Freiwilligen von ihrer Arbeit? Fragen an Hildegard Schooß, Gründerin und ehemalige Leiterin des Mehrgenerationenhauses Salzgitter.
Frau Schooß, ein Hauptpfeiler der Mehrgenerationenhäuser ist das Einbinden von Freiwilligen. Bei Ihnen im Mehrgenerationenhaus Salzgitter arbeiten ungefähr 80 Freiwillige. Wie schaffen Sie das?
Ein Mehrgenerationenhaus braucht eine große, bunte Palette von Angeboten für bürgerschaftliches Engagement, damit sich die Menschen mit ihren Interessen und Fähigkeiten darin wieder finden können. Mit dieser Vielzahl von Möglichkeiten bringen wir Angebot und Nachfrage zusammen und machen den Menschen Lust, bei uns mitzuwirken. Und dann bieten wir ihnen ein Team, in das sie aufgenommen werden. Je breiter das Angebot, desto mehr Freiwillige kann ich für mein Mehrgenerationenhaus gewinnen.
Am Anfang der Arbeit eines Mehrgenerationenhauses wird das Angebot naturgemäß eher klein sein. Was spielt das für eine Rolle?
Das macht nichts. Aber die Form der Ansprache von freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist dann umso wichtiger. Wir sprechen die Menschen ganz persönlich an. Jeder neue Mitarbeiter und jede neue Mitarbeiterin wird bei uns geachtet. Wir nehmen in unserer Caféstube – die wie ein öffentliches Wohnzimmer ist – jeden persönlich in Empfang, nicht in einem unpersönlichen Büro. Diese Form der Ansprache ist wohl unser größtes Erfolgsgeheimnis. Das ist Teil unserer Kultur der Wertschätzung und Anerkennung für bürgerschaftliches Engagement.
Wie schafft man eine solche Kultur der Anerkennung? Überreichen Sie Geburtstagskärtchen und Blumen?
Das kann man natürlich auch machen. Aber es darf nicht losgelöst sein von einer weiterreichenden Kultur der Wertschätzung. Sonst verkommen Geburtstagskarten zu reinen Pflichthandlungen. Die Kultur der Anerkennung basiert bei uns auf Gleichwertigkeit. Freiwillige sind für uns niemals lästige Hilfskräfte: Eine Freiwillige, die über bestimmte Kompetenzen verfügt, hat für uns den gleichen Stellenwert wie eine Festangestellte. Uns ist es wichtig, immer von Mitarbeiterinnen oder Mitarbeitern zu sprechen. Das sind sowohl die freiwilligen als auch die Stamm-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Wie wird diese Gleichwertigkeit im Alltag sichtbar?
Die Freiwilligen bekommen bewusst viele Entscheidungsmöglichkeiten – und zwar nicht nur in unbedeutenden Bereichen, sondern auch bei grundsätzlichen Entscheidungen.
Bezahlen Sie die Freiwilligen auch?
Wir haben zwei Methoden der Vergütungen: die eine sind Geld und Sachleistungen, die andere ideelle Leistungen. Freiwillige können finanzielle Aufwandsentschädigungen bekommen und erhalten immer Versicherungsleistungen und Fahrtkosten. Außerdem können sie bei uns auch praktische Gegenleistungen erwarten: Wir betreuen beispielsweise ihre Kinder oder geben ihnen ein kostenloses Mittagessen.
Brauchen Sie überhaupt noch Festangestellte?
Ja. Festangestellte machen bei uns zwar größtenteils das gleiche wie Freiwillige, aber sie sind wichtig für uns, weil sie fest eingeplant werden können, und oft das übernehmen müssen, wofür wir keine Freiwilligen finden. Wenn Freiwillige nicht verfügbar sind, haben wir immer noch die erforderliche Kontinuität mit den Festangestellten.
Sie mögen den Begriff Ehrenamt nicht. Warum?
Ehrenamtliche werden immer schnell als unqualifizierte Helferinnern und Helfer verstanden. Das sind sie für uns ganz und gar nicht. Außerdem halte ich beide Bestandteile des Wortes in Bezug auf die Arbeit der Freiwilligen für falsch. Wir können nicht sagen, wem es eine Ehre ist, bei uns zu arbeiten – egal ob freiwillig oder festangestellt. Das kann jeder nur für sich definieren. Auch sind Kompetenzen und Fähigkeiten bei uns nicht an ein Amt gebunden. Im Gegenteil: Wir brauchen flexible Menschen, die an vielen Stellen mitarbeiten können und wollen.
Hildegard Schooß, 62, hat das Mütterzentrum Salzgitter-Bad gegründet und aufgebaut. Es war damals das erste Mütterzentrum Deutschlands und hat am 20. November 2006 als erstes Mehrgenerationenhaus im Aktionsprogramm seine Arbeit aufgenommen. Bis vor zwei Jahren hat Frau Schooß die Einrichtung geleitet. Seitdem ist sie dort freiwillige Mitarbeiterin und berät darüber hinaus Initiativen, Träger, Fachleute und die Politik.
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