Selbsthilfegruppe für Hörgeschädigte – Mehrgenerationenhaus ist erste Anlaufstelle
Verkaufsgespräche, wichtige Telefonate oder Small-Talk auf Partys – für Hörgeschädigte werden alltägliche Situationen schnell zur Schwerstarbeit. Das konzentrierte Zuhören ist anstrengend und nicht selten kommt es zu Missverständnissen. Mitmenschen zeigen für die Betroffenen nicht immer Verständnis, sind ungeduldig oder machen sich gar lustig. Die unsichtbare Behinderung führt nicht selten zu gesellschaftlicher Isolation und dem Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. Um den Betroffenen vor Ort Unterstützung zu bieten, wurde im Mehrgenerationenhaus im hessischen Oestrich-Winkel die Selbsthilfegruppe „Ohren auf!“ ins Leben gerufen. Der Initiator Peter Gerullis, ein pensionierter Richter, ist selbst hörbehindert und setzt sich seit Jahren für die Belange hörgeschädigter Mitmenschen ein.
Auf die Probleme Hörgeschädigter aufmerksam machen
Die Gründe für ein verringertes Hörvermögen sind vielseitig. Hörsturz, Tinnitus oder angeborene Gehörschäden sind neben der weit verbreiteten Altersschwerhörigkeit nur die häufigsten. In Deutschland leiden rund 14 Millionen Menschen an einer Schädigung des Gehörs. Trotz der weiten Verbreitung ist die Gesellschaft vielfach noch nicht auf die Bedürfnisse von Menschen mit Hörproblemen eingestellt. „Wenn das Rathaus eine Rampe für Rollstuhlfahrer bekommt, gilt das als barrierefrei. Für mich und alle anderen Hörgeschädigten ist es das nicht. Ich komme auch ohne Rampe hinein. Aber wenn ich drin bin, verstehe ich kein Wort, weil die Akustik schlecht ist, weil die Bediensteten im Umgang mit Hörbehinderten nicht geschult sind, weil es keine technischen Hörhilfen gibt“, berichtet Peter Gerullis. Der 66-Jährige Richter a.D. musste wegen Gehörverlust 1996 in den verfrühten Ruhestand gehen. Seither engagiert er sich im Rahmen des Deutschen Schwerhörigenbunds (DSB) für mehr Unterstützung seiner Gleichbetroffenen.
Ein einmaliges Angebot in der Region
Wie zahlreiche andere Mitglieder des DSB-Ortsvereins Wiesbaden wohnt auch Peter Gerullis im Rheingau. Die Anreise zum Vereinsbüro in Wiesbaden war vielen von ihnen allerdings auf Dauer zu weit und zu beschwerlich, so dass die Nachfrage nach einem lokalen Angebot stetig wuchs. Peter Gerullis’ Idee für eine Rheingauer Hörbehinderten-Selbsthilfegruppe war schnell geboren. Lange fehlte es jedoch an einem geeigneten Ort für regelmäßige Gruppentreffen. So wurde schließlich das Mehrgenerationenhaus zur ersten Anlaufstelle Hörgeschädigter im Rheingau. Die Hausleiterin Christiane Kompch-Maneshkarimi war von dem Projekt sofort überzeugt und unterstützt die Gruppe seither mit voller Kraft. Seit April 2010 trifft sich die Selbsthilfegruppe regelmäßig in den Räumen des Mehrgenerationenhauses. Bei den monatlichen Treffen steht das gemeinschaftliche Beisammensein im Vordergrund. Die Betroffenen kommen, um sich über eine Vielzahl von Themen auszutauschen. Von technischen Hilfsmitteln über „Hörtaktiken“ bis zu alltäglichen Diskriminierungen – die Hörgeschädigten haben in der Gruppe die Möglichkeit, sich zwanglos auszusprechen. So helfen die regelmäßigen Treffen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dabei, der gesellschaftlichen Isolation zu entfliehen. Zugleich fördern sie einen selbstbewussten und offensiven Umgang mit der eigenen Hörbehinderung. „Ziel der Gruppenarbeit ist es, dass sich die Menschen nicht ins Schneckenhaus verkriechen, sondern auf andere zugehen und sich öffentlich zu ihrer Behinderung bekennen“, sagt Peter Gerullis. Das neue Angebot wird sehr gut angenommen. Die Teilnehmenden kommen aus fast allen sieben Kommunen des Rheingaus und sind zwischen 19 und 99 Jahre alt. Der Treffpunkt im Mehrgenerationenhaus Oestrich-Winkel wird somit nach und nach zu einer festen Anlaufstelle für Betroffene aus der ganzen Region.
14.07.2009
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